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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Robert Ernst Prutz

Reue

Ich weiß es wohl, ich hab' dich oft gekränkt,
        Wenn rascher Zorn mein heißes Blut verführte;
Mit Thränen oft hast du vor mir gesenkt
        Den süßen Blick, der jeden Andern rührte;
5 Demüthig oft, mit mädchenhaftem Zagen,
        Hast du die Händchen auf die Brust gelegt,
Oft hat ein Hauch von Bitten, nicht von Klagen,
        Die lieben Lippen flüsternd dir bewegt.
Ich aber stand, verblendet und bethöret,
10         Vom Flug der Furien, wie Orest, umflogen,
Und riesenhoch, von wildem Sturm empört,
        Schwoll mir das Herz in ungestümen Wogen.
Ich sah dich weinen, sinken und erblassen,
        Und stand und sah's und wandte das Gesicht!
15 Nach meiner Hand sah ich dich flehend fassen,
        Und stand und sah's und reichte sie dir nicht!
Jetzt ist's vorbei! – Nur Nachts durch meinen Traum
        Seh' ich ein liebes, bleiches Bildniß schreiten,
So ernst, so still – o Gott, ich kenn' es kaum
20         Und doch gemahnt mich's an vergangne Zeiten!
Ich fahr' empor, ich möchte niederknieen,
        Um Gnade nur das holde Bild zu flehn –
Es winkt, es neigt sich, mich emporzuziehen –
        Vorbei, vorbei! ich soll dich nie mehr sehn!





Entstehungsjahr: vor 1842
Erscheinungsjahr: 1841
Aus: Gedichte / Lyrisches. Zweites Buch
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Robert E. Prutz. Verlag Otto Wigand, Leipzig: 1841, S. 285-286.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.