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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gottfried Kinkel

Dietrich von Berne

Nun höre mich, Vater, nun höre mein Wort!
Nun hole mich heim zu dir.
Bin satt des Lebens und will nun fort;
Was soll der Alternde hier?
5 Mein dunkler Vater, nun höre geschwind,
Dich ruft dein gewaltiges Heldenkind,
        Der alte Dietrich von Berne.
Seit ächzend die Mutter ans Licht mich gebracht,
Hab' ich nimmer dein Antlitz geschaut.
10 Nun komm, du dunkler Elfe der Nacht,
Vor dem den sterblichen graut!
Das Feuer, das du mir gegossen ins Blut,
Es lohet zu scharf, es verzehrt die Glut
        Den alten Dietrich von Berne.
15 Bin werth, o Vater, in bin dein werth!
Genug nun hab' ich geschafft;
Es hat zum Tode mein Heunenschwert
Genug der Helden gerafft.
Mich scheuet der Tod, seit ich Hagnen schlug,
20 Du hole mich nun, das ist Ehre genug
        Dem alten Dietrich von Berne.
Nicht blieb zu kämpfen ein Feind zurück,
Zu Berne steht fest mein Palast;
Die Ruhe, des weichen Alters Glück,
25 Ist meinem Marke verhaßt.
Wohl jag' ich den Ur in den finstern Wald,
Doch ist's zu gering mir, drum hole mich bald,
        Den alten Dietrich von Berne.
So rief der König, er stand im Forst:
30 Das hörte der Vater bald:
Auf lauschte der Held, das Gezweige borst,
Ein Hirsch brach her aus dem Wald.
Wohl griff Herr Dietrich zum Waidgeschoß,
Doch hatt' er zur Stelle kein schnelles Roß,
35         Der alte Dietrich von Berne.
Und wie er sich umsah unmuthsvoll,
Da stand ein mächtiges Roß,
Deß ungeduldiger Hufschlag scholl
Und Schaum vom Gebiß ihm floß,
40 War schwarz und glänzend: da schwang er sich auf,
Und spornt' es zum Jagen im schnellsten Lauf,
        Der alte Dietrich von Berne.
Da schnaubet das Roß, daß Feuer und Rauch
Den offenen Nüstern entloht,
45 Und stürmet dahin wie ein Wüstenhauch,
Dem folget der schwarze Tod.
Da hebt sich jauchzend die Heldenbrust,
Da fühlet sich jung wie in Schlachtenlust
        Der alte Dietrich von Berne.
50 Doch jäher und jäher nun wird der Ritt,
Vorbei jagt Felsen und Baum.
Wie könnten die Diener, die Rüden mit?
Nichts fruchtet der straffe Zaum:
Es stürmet, das ist nicht Galopp und Trab,
55 Ist Windsbrautsausen; nicht kann er herab,
        Der alte Dietrich von Berne!
Ihm schließt sich das Aug' und es starret das Blut:
Doch als er, betäubt noch, erwacht,
Da schaut er, und höher wächst ihm der Muth,
60 Den Vater, den Elfen der Nacht;
Der fasset die Hand ihm: wie fühlt er sich stark,
Wie schwillt in den Knochen ihm jugendlich Mark,
        Dem alten Dietrich von Berne!
So sprach der Vater: Mein stolzer Sohn,
65 Du hast dich in Ehren bewährt,
Wohl mußt' ich selber dich holen schon,
Schon rittst du ein Geisterpferd:
Drum auf, dich grüß' ich, Schwarzelfe der Nacht,
Nun jagst du mit mir in der wilden Schlacht,
70         Mein starker Dietrich von Berne!





Entstehungsjahr: vor 1873
Erscheinungsjahr: 1872
Aus: Gedichte / Bilder aus Welt und Vorzeit
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gottfried Kinkel, Bd. 1. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart: 1872, S. 11-13.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.