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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gottfried Kinkel

Abendstille

Nun hat am klaren Frühlingstage
Das Leben reich sich ausgeblüht;
Gleich einer ausgeklungnen Sage,
Im West das Abendroth verglüht.
5 Des Vogels Haupt ruht unterm Flügel,
Kein Rauschen tönt, kein Klang und Wort;
Der Landmann führt das Roß am Zügel,
Und Alles ruht an seinem Ort.
Nur fern im Strome noch Bewegung,
10 Der weit durch's Thal die Fluten rollt:
Es quillt vom Grunde leise Regung,
Und Silber säumt sein flüssig Gold.
Dort auf dem Strom noch ziehen leise
Die Schiffe zum bekannten Port,
15 Geführt vom Fluß im sichern Gleise -
Sie kommen auch an ihren Ort.
Hoch oben aber eine Wolke
Von Wandervögeln rauscht dahin;
Ein Führer streicht voran dem Volke
20 Mit Kraft und landeskund'gem Sinn.
Sie kehren aus dem schönen Süden
Mit junger Lust zum heim'schen Nord,
Nichts mag den sichern Flug ermüden -
Sie kommen auch an ihren Ort!
25 Und du, mein Herz! in Abendstille
Dem Kahn bist du, dem Vogel gleich,
Es treibt auch dich ein starker Wille,
An Sehnsuchtsschmerzen bist du reich.
Sei's mit des Kahnes stillem Zuge,
30 Zum Ziel doch geht es immer fort;
Sei's mit des Kranichs raschem Fluge -
Auch du, Herz, kommst an deinen Ort!





Entstehungsjahr: vor 1873
Erscheinungsjahr: 1872
Aus: Gedichte / Des Dichters Leben und Betrachtung, Aus dem Süden / Auf der Wanderschaft 6
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gottfried Kinkel, Bd. 1. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart: 1872, S. 190-191.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.