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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gottfried Kinkel

Ein geistlich Abendlied

Es ist so still geworden,
Verrauscht des Abends Wehn,
Nun hört man allerorten
Der Engel Füße gehn,
5 Rings in die Thale senket
Sich Finsternis mit Macht –
Wirf ab, Herz, was dich kränket
Und was dir bange macht!
Es ruht die Welt im Schweigen,
10 Ihr Tosen ist vorbei,
Stumm ihrer Freude Reigen
Und stumm ihr Schmerzenschrei.
Hat Rosen sie geschenket,
Hat Dornen sie gebracht –
15 Wirf ab, Herz, was dich kränket
Und was dir bange macht!
Und hast du heut gefehlet,
O schaue nicht zurück;
Empfinde dich beseelet
20 Von freier Gnade Glück.
Auch des Verirrten denket
Der Hirt auf hoher Wacht –
Wirf ab, Herz, was dich kränket
Und was dir bange macht!
25 Nun stehn im Himmelskreise
Die Stern' in Majestät;
In gleichem festem Gleise
Der goldne Wagen geht.
Und gleich den Sternen lenket
30 Er deinen Weg durch Nacht –
Wirf ab, Herz, was dich kränket
Und was dir bange macht!





Entstehungsjahr: vor 1873
Erscheinungsjahr: 1872
Aus: Gedichte / Des Dichters Leben und Betrachtung, Aus dem Süden / Auf der Wanderschaft 7
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gottfried Kinkel, Bd. 1. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart: 1872, S. 191-192.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.