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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gottfried Kinkel

Petrus

                                                    Domine quo vadis?
                                                    Venio iterum crucifigi.
Weil verstockt der Jude Simon Roma's Götter hat geschmähet,
Weil verbotnen Bund er stiftet, Zwietracht in die Geister säet,
5 Weil er einen Missethäter aller Reiche König glaubt:
Geb' ich morgen preis dem Volke an dem Kreuz sein frevelnd Haupt.
Kaiser Nero hat's gesprochen, Petrus kniet zu Nacht im Kerker;
Betend wächst des Greises Glaube, Himmelssehnsucht regt sich stärker;
Morgen wird das Wort erfüllet, das der Herr prophetisch sprach;
10 Fremde Hand wird einst dich gürten; Simon, folge dann mir nach!
Da – welch leis vorsichtig Klopfen? durch die Riegel ächzt die Feile,
Und die alte Pforte weichet vor dem eingeklemmten Beile –
Wird's zu lange dem Tyrannen? sendet er die Schlächter schon?
Nein, es spricht ein kühnes Wagstück seinem tollen Wüthen Hohn.
15 Freunde sind's! Die Christen lagen im Gebet an heil'ger Stätte,
Daß den alten treuen Diener noch einmal der Herr errette.
Doch umsonst Gebet und Zähre: Dießmal, ach, kein Engel naht –
Da beschließen Drei der Kühnsten frisch auf eigne Hand die That.
Stark wohl sind die Römerkrieger, Wache haltend vor den Thüren,
20 Stärker doch der Wein von Chios, den die Dreie mit sich führen.
Mächtig sind des Kerkers Riegel, doch dem Eifer allzu schwach –
Schau, mit stolzverklärten Blicken stehn die Drei schon im Gemach.
Rettung, Rettung, alter Vater! Stärker als der Tod ist Treue,
Unsrer Lieb' und Christi Kirche ist dein Haupt geschenkt aufs Neue.
25 Hier nur droht der Tod dir; auf denn, gürte deine Lenden, flieh,
Schiffe, stets bereit zur Abfahrt, triffst du in Puteoli.
Alter Jünger, kannst du wanken – den der Herr den Felsen nannte,
Der so eben in der Sehnsucht heil'gen Liebesflammen brannte?
Ja, er giebt sich hin den Freunden, überrascht und halb im Traum;
30 Frei schon auf dem Forum steht er, und er selber glaubt es kaum.
Eilends zu der Pforte lenken nun die Vier die leisen Schritte –
Unterm Thore kurzer Abschied, Bruderkuß nach Christensitte,
Jene kehren zu den Ihren, Frohes kündend, schnell im Lauf,
Diesen nimmt die Nacht beschirmend in den weiten Mantel auf.
35 Auf der Gräberstraße zieht er, wegeweisend stehn die Sterne;
Nero's goldnes Haus verdämmert schon in nächtlicher blauer Ferne –
Aber hat die tiefe Mittnacht solcher leisen Wandrer mehr?
Ihm entgegen kommt ein Andrer auf dem schmalen Weg daher.
Und es graust dem Alten: seitwärts biegt er aus mit schwankem Fuße,
40 Schnell vorüber an dem Fremden schmiegt er sich mit flücht'gem Gruße –
Grüßend schaut ihm Der ins Antlitz, daß der Sternglanz auf ihn fällt –
 Petrus, wie doch starrst du seltsam? sprich, was deine Flucht verhält?
Auf des Mannes hoher Stirne glänzen blut'gen Schweißes Tropfen,
Wohl nicht von des Weges Mühe mag so bang das Herz ihm klopfen;
45 Bleich zum Tod das schöne Antlitz – Petrus, kennst du die Gestalt?
Schon einmal vor deinen Augen ist sie also hingewallt.
Grüßend neigt er sich zum Jünger, seiner Augen helle Sonnen
Sind von eines stillen Grames Regenwolken mild umronnen;
Fest nun ruhn sie auf dem Flüchtling – Petrus, kennst den Blick du nicht?
50 Schon einmal rief er dich Schwachen wieder zur vergeßnen Pflicht.
Ja, das ist der Herr! So stand er vor dem ungerechten Heiden,
So blieb still und klar sein Antlitz mitten in den wilden Leiden.
Und der Jünger sinkt zur Erde, doch das Herz läßt ihm nicht Ruh,
Und er ruft: Mein Herr und Heiland! rede, wohin gehest du?
55 Und der Heiland spricht, das Auge unverwandt auf ihn gerichtet,
Mit dem Blick, der an der Tage letztem Falsch und Wahrheit sichtet:
Meine Kirche steht verödet, meine Treuen sind verirrt –
Zu der Stadt ist meine Straße, wo man neu mich kreuz'gen wird!
Und der Herr verschwand; doch eil'ger, als er erst den Tod geflohen,
60 Flieht der Jünger jetzt das Leben, dem des Meisters Blicke drohen.
Schnell den Lauf zurück gewendet, über Hellas graut es schon;
Nero's goldnes Haus erglänzt bald als goldner Sonnenthron.
Und die Sonne, die jetzt Freuden ausgießt über allen Landen,
Trifft die Christen laut noch jubelnd, den Apostel doch in Banden.
65 Lauter weinend sah sie Jene, als sie wieder sank zuthal,
Doch ein seligsterbend Antlitz traf am Kreuz ihr letzter Strahl.





Entstehungsjahr: vor 1873
Erscheinungsjahr: 1872
Aus: Gedichte / Bilder aus Welt und Vorzeit
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gottfried Kinkel, Bd. 1. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart: 1872, S. 24-28.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.