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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gustav Schwab

Kaiser Heinrichs Waffenweihe

Der junge König Heinrich schlief
Zu Goßlar in der Kammer tief,
Verschlossen waren alle Thüren,
Es durfte sich kein Leben rühren,
5 Kein Hall den langen Gang durchlief,
Der junge König Heinrich schlief.
Doch wenn der Herr im Himmel spricht,
Hilft ein Gebot zu schweigen nicht;
Die Winde durch die Hallen pfeifen,
10 Die Tropfen an das Fenster streifen,
In manchem rauhen Donnerschlag
Entlastet sich der heiße Tag.
Die Diener schleichen auf den Zeh'n,
Sie wagen nicht herein zu seh'n:
15 Will Er das Wetter überhören –
Nicht wollen sie den König stören;
Bis daß ein Knall das Haus durchdringt,
Und mit Geklirr die Kammer klingt.
Da flieget bei des Herrn Gefahr
20 Herbei der bleichen Knechte Schaar,
Man hört nicht mehr den Regen fallen,
Man hört nicht mehr den Donner hallen,
Man höret nur der Füße Tritt
Und schwerer Männer Eisenschritt.
25 Sie öffnen scheu das Flügelthor –
Verschlossen ist des Königs Ohr;
Sein Auge schläft noch schlummertrunken,
Und wie es auf den Pfühl gesunken,
So liegt sein junges Haupt in Ruh',
30 Die gelben Locken decken's zu.
Doch über'm Bette Schwert und Schild –
Sie hängen, der Zerstörung Bild,
Der Stahl geschmelzt wie in der Esse,
Der Schild zerdrückt, wie von der Presse,
35 Durch Leder und durch Eisen fuhr
Der Blitz und ließ die heiße Spur.
Die Diener starren; jetzt erwacht
Ihr König aus des Schlafes Nacht,
Es fliegt sein Blick nach seinen Waffen,
40 Und sieht sie staunend umgeschaffen;
Gar bald erräth er was geschah,
Spricht: »großer Meister, warst du da?«
»Mir däucht, ich hörte doch dein Lied,
Ich hörte hämmern dich, o Schmied!
45 Sah deine Loh das Leder gerben,
Sah deine Glut das Eisen färben,
Zu stehen meint' in kühnem Traum
Ich hoch in deiner Werkstatt Raum!«
Der König von dem Lager sprang,
50 Bald in der Hand den Hammer schwang,
Er läßt ihn auf dem Schwerte klingen,
Will selbst, was Gott begann, vollbringen,
Das Eisen, warm noch, schmiedet er,
Und stellt den Schild aus Falten her.
55 Und auf der langen Herrscherbahn
Hat er manch Kleid sich umgethan,
Mit mancher Brünne, schön gedrechselt,
Mit manchem Helm hat er gewechselt,
Doch Schild und Schwert vertauscht er nie,
60 Die Gott im Wetter ihm verlieh.
Es fuhr der Blitz aus seinem Stahl
Im Streite zweiundsechzig Mal,
In zweiundsechzig Kämpfen deckte
Der Schild ihn, der vom Strahl beleckte;
65 Stets flammte Schwert und Schild wie neu,
Stets blieb ihm Schwert und Schild getreu.
Der Donner war sein Ritterschlag;
Und als im Sarg er endlich lag,
Da schien die Kron' auf seiner Bahre
70 Verbleicht, wie seine greisen Haare,
Doch sonnig glänzte Schwert und Schild,
Der Königsjugend strahlend Bild.





Entstehungsjahr: 1830
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Romanzen, Balladen, Legenden
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gustav Schwab. Neue Auswahl. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart / Tübingen: 1838, S. 255-257.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.