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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Joseph Victor von Scheffel

(Nordmännerlied)

Der Abend kommt und die Herbstluft weht,
Reifkälte spinnt um die Tannen,
O Kreuz und Buch und Mönchsgebet –
Wir müssen Alle von dannen.
5 Die Heimath wird dämmernd und dunkel und alt,
Trüb rinnen die heiligen Quellen:
Du götterumschwebter, du grünender Wald,
Schon blitzt die Axt dich zu fällen!
Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
10 Erloschen sind unsere Sterne –
O Island, du eisiger Fels im Meer,
Steig auf aus mächtiger Ferne.
Steig' auf und empfah unser reisig Geschlecht –
Auf geschnäbelten Schiffen kommen
15 Die alten Götter, das alte Recht,
Die alten Nordmänner geschwommen.
Wo der Feuerberg loht, Glutasche fällt,
Sturmwogen die Ufer umschäumen,
Auf dir, du trotziges Ende der Welt,
20 Die Winternacht woll'n wir verträumen!





Entstehungsjahr: vor 1856
Erscheinungsjahr: 1855
Aus: Die Waldfrau
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Ekkehard. Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert. Metzler, Stuttgart: 1875, S. 119-120.
Bemerkungen
In dem Roman »Ekkehard« erinnert sich die Waldfrau »an ein altes Nordmännerlied«. Wahrscheinlich wird das Lied deshalb in Anthologien oft unter diesem Titel geführt, obwohl es von Scheffel nie so tituliert wurde.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.