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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Clemens Brentano (Maria)

[Der goldne Tag ist heimgegangen]

Der goldne Tag ist heimgegangen;
Ich sah ihn über die Berge ziehn,
Und all mein sehnendes Verlangen
Floh mit ihm hin.
5 Bunt ist wohl um des Jünglings Hüften
Der schimmernde Mantel hingewallt,
Und leise in den Himmelslüften
Sein Lied verhallt.
Ich sah wohl die glühenden Locken
10 Am Berge wehn,
Oben ihn stehn,
Und freundlich goldne Flocken
Auf die Bahn hinsäen,
Drauf weiter zu gehen.
15 Da breitet das Leben
Die Schmetterlingsflügel,
Am duftigen Hügel
Ihn hoch zu erheben,
Uns nochmals zu geben.
20 So traurig saß er oben
Im Purpurzelt,
Und grüßt‘ die Welt:
Leb wohl da unten!
Da hat ihn der Flügel
25 Mit Flammen umwunden,
Am duftigen Hügel
Hinübergehoben.
Sein ödes Reich bleibt still zurücke,
Die Welt verweilt ganz herrenlos.
30 Das Leben forscht mit trübem Blicke
Im eignen Schoß.
Ein düstrer Mantel rauschet nieder
Rund um des Jünglings verlaßnen Thron,
Und aus den Wäldern hallet wider
35 Ein trunkner Ton.
Es rühren die nächtlichen Stunden
Sich tief im Tal,
Bereiten ein Mahl
Im dämmernden Saal,
40 Mit dichten Gewändern umwunden.
Ein matter Strahl
Blinkt am Pokal,
Und süß betrunken,
Vom goldenen Wein,
45 Schlummert die jüngste
Der Stunden schon ein,
Die andern lauschen
Von außenher zu,
Und stürzen herein.
50 Es sterben die Funken,
Hinabgesunken
Ist der letzte Strahl
Von ihrem Pokal.
Sie irren und rauschen
55 Ohn‘ Schimmer und Schein,
Ohn‘ alle Ruh‘.
Zerstört ist das Mahl
Und dunkel der Saal.
Da schreiten die Stunden so leise
60 Wohl in die Nacht,
Verhüllen auf finsterer Reise
Mit ernstem Bedacht,
In dunkeln Falten
Die regen Gestalten,
65 An denen sie sinnend vorüberwallten,
Und alles umarmt sich rings umher,
Es giebt keine einzelne Rechte mehr,
Es öffnet jed Leben dem andern die Brust,
Und trinket mit Lust,
70 Ganz ohnbewußt,
Den himmlischen Kuß,
Den Wechselgenuß.
So innig umschlungen,
So heilig durchdrungen,
75 Umhüllet ein Rausch,
Den lieblichen Tausch.
Und endlich lösen die Arme sich auf,
Der Mond zieht herauf;
Der dämmernde Blick
80 Träumt trunkenen Traum.
Im himmlischen Raum
Erblühen die Sterne,
Und kehret das Licht
Bescheiden zurück.
85 Das Leben flicht
Dann in der Ferne
Den bräutlichen Kranz,
Entzündet die Lieder,
Erleuchtet den Tanz.
90 Die reizenden Glieder
Umhüllt ein Gewand,
Durchsichtig gewebet.
Das Leben erhebet,
Zum Himmel gewandt,
95 Den Busen, und strebet
Sich wieder zu finden.
Die Sehnsucht erwacht
In schimmernder Nacht.





Entstehungsjahr: 1799
Erscheinungsjahr: 1800
Aus: Gedichte 1795-1803
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald (Bd. 1) / Bernhard Gajek (Bd. 1) / Friedhelm Kemp (Bd. 1): Clemens Brentano. Werke, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 19638, S. 37-40.
Bemerkungen
Überarbeitet und mit SUZ versehen.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.