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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Joseph Victor von Scheffel

Die Schweden in Rippoldsau

Vor zweihundert Jahren – Wem ist's nicht bekannt? –
Ertobte der Krieg im deutschen Land,
Die Schweden und die vom Wallenstein
Schlugen einander die Schädel ein,
5 Und dauerte über dreißig Jahr,
Bis die Schlachtenfurie verbrauset war.
Doch das friedliche Rippoldsauer Thal
Blieb verschont von des Krieges Gewitterstrahl,
Und Mancher, dem kranken Leib zum Frommen
10 Ist Heilung suchend zur Quelle gekommen.
Man lebte damals schier so wie jetzt,
Man hat sich mit mancherlei Kurzweil ergötzt,
Ein trefflicher Badwirth sorgte wie heut
Für gute Herberg' und Schnabelweid.
15 Man schlürfte die Quelle und sprach nur wenig
Von Papst und Kaiser und Schwedenkönig.
Die Alten tranken und rauchten Tabak,
Die Jungen fanden am Ballspiel Geschmack,
Die Damen in Reifrock und hoher Krause
20 Scherzten und lachten beim Mittagsschmause,
Und Abends tanzte man zierlich und nett
Auch ein steif craziöses Menuett.
Die Badmusik war in vorzüglichen Händen,
Sechs Mann mit verschiedenen Instrumenten
25 Spielten rüstig und unverdrossen drauf los,
Und war schier Jeder ein Virtuos.
Da begab sich's im dreiundvierziger Jahr,
Daß Herr Johann Petzold Baßgeiger war,
Der hieng eines Abends im Monat August
30 Seine Geig' auf den Rücken mit großer Lust,
Und stieg auf die Holzwälder Höhe empor,
Um unbelauscht von der Badgäste Ohr
Ein neues Adagio einzustudiren,
Womit er am Sonntag wollt' excelliren.
35 Denn für des Brummbasses dröhnend Walten
Ist's besser, einsame Proben halten;
Die Baßgeige lieben viele Personen,
Mögen doch nicht neben dem Baßgeiger wohnen.
Drum kam Herr Petzold mit Cello und Bogen
40 Hinauf in den luftigen Tannwald gezogen,
Und schaute weit in die Lande hinein
Bis zum Straßburger Münster am glitzernden Rhein,
Er suchte ein schattiges Plätzlein im Moose
Bei Farrnkraut und duftiger Weidenrose;
45 Hell klang in die Waldesstille und froh
Sein funkelneues Adagio.
Doch wie's so recht voll in den Saiten rauschte,
Da spitzt' er auf einmal die Ohren und lauschte;
»Zum Teufel, was hör' ich, was hat sich gerührt?
50 Ich werd' aus der Ferne accompagnirt!
Trom trom! trom trom! trari, trara!
Nun hilf uns, heilige Cäcilia!«
Herr Petzold hatte in früheren Tagen
Bei Pappenheims Reitern die Pauke geschlagen;
55 Seit der Lützner Affaire kannt' er den Ton:
»So trommt und trompetet der Thorstenson!
Trom trom! trom trom! trari, trara!
O heil'ge Cäcilie, der Schwed' ist da!«
Herr Petzold hat keine Silb' mehr gesprochen;
60 Aufsprang er, wie von der Tarantel gestochen,
Er schultert die Baßgeig' und sah nicht mehr um,
Vergaß selbst sein gelb Colofonium,
Ließ Noten zurück und Sacktuch und Kapp'
Und sprang wie besessen den Tannwald hinab.
65 »Gut Nacht, Adagio und Bademusik!
Gut Nacht, der Petzold kommt nimmer zurück!«
Im Bad indeß hatte Niemand Kunde,
Was Herr Petzold erlauscht in jener Stunde,
Es kamen, wie sonst, die Herren und Damen
70 Im Speisesaal zum Souper zusammen.
Der Expeditor bracht' an Paket und Brief,
Was mit der Wolfacher Post einlief.
Auch von Freiburg der alte Herr Kreispräsident
Erhielt ein gesiegelt Pergament,
75 Und man bemerkte, daß etwas blaß
Seine Züge wurden, als er es las;
Es scheint, auch in dieser Epistola
Stand was von trom trom und trari, trara!
Denn er flüsterte Frau und Tochter ‘was zu
80 Und rief auch plötzlich den Badwirth herzu
Und sprach: »Ich verreise früh morgen um vier,
Besorgen sie schnell einen Wagen mir!«
Und wiewohl kopfschüttelnd der Badwirth sprach:
»Sie haben bestellt ja für dreißig Tag
85 Die Wohnung, und sind erst seit heut im Quartier;«
Erwiedert' er: »dennoch verreis' ich von hier!«
Des andern Morgens früh um vier Uhr
Er mit Extrapost von dannen fuhr.
Auch der Herr von Questenberg von Wien
90 Nicht mehr, wie sonst, an der Quelle erschien.
Er nahm, trotz seinem seidenen Rock,
In derselben Kutsche Platz auf dem Bock.
Um acht Uhr saß alles wie sonst beim Café
Im Hof und unter der Lindenallee,
95 Doch die Musik schlich traurig heran,
Statt sechsen waren's nur fünf Mann,
Und was sie spielten, war incomplet,
Daß schier man sie ausgepfiffen hätt'.
Drum zu den Gästen mit klagender Miene
100 Sprach entschuldigend die erste Violine:
»Wir sind ruinirt, ein verstimmter Accord:
Die Baßgeig mit sammt dem Petzold ist fort!«
Da wurde viel geschwatzt und gesprochen,
Ob Freund Petzold wohl seinen Hals gebrochen
105 Oder ob, als leichtfertiger Musikant
Er ohne Abschied von dannen gerannt;
Die Menschheit ist stets geneigt zum Bösen,
Man machte viel boshafte Hypothesen:
Er hab', als Verliebter, im Schatten der Nacht
110 Einer Wälderin ein Baßgeigenständchen gebracht,
Oder liege, von süßem Weine trunken,
Wohl in jammervolle Träume versunken.
Nur der Flötist sprach mit edelm Muth:
»Der Petzold ist klug und weiß was er thut!«
115 Und wieder nahte die Mittagsstunde
Und saßen die Gäste in fröhlicher Runde,
Die Schüsseln dampften – nur auf der Tribüne
Dacht' die Musik mit betrübter Miene:
»Bald kommt der Braten, o schlimmes Signal,
120 Heut spielen wir nur zu unserer Qual,
Wir sind ruinirt, ein verstimmter Accord:
Die Baßgeig' mit sammt dem Petzold ist fort!«
Der Braten kam, schon schwirrten die Geigen,
Da flog durch den Saal ein bedeutungsvoll Schweigen,
125 Die Fenster klirren – o bittres Dessert!
Ein Kanonenschuß vom Kniebis her!
Noch einer – piff, paff! – ‘s ist nimmer geheuer
O Gott, Geschütz- und Musketenfeuer!
Und zwischen hinein: trom trom, trara!
130 Behüt' uns der Herr vor der Musica!
Wie wenn der Blitz in ein Taubenhaus schlägt,
Schwirrt Alles verstört und bewegt und erregt ..
Dort fällt ein Stuhl – hier zerbricht ein Teller,
Dort verschüttet Einer den Mucateller,
135 Die Damen schluchzen, die Kinder schrei'n, –
Der taucht sein Biscuit in Senftopf ein –
Der fordert die Rechnung – der Rosse – der Wagen –
Der denkt: jetzt hat meine Stunde geschlagen
Und spricht zur lockigen Nachbarin:
140 »Ich lieb' Euch! laß uns zusammen flieh'n!«
Der ruft zum Wirth: »Ade, seid geduldig!
Für diesmal bleib' ich die Zeche schuldig!«
Der zupft ihm am Ärmel – der tritt ihm den Fuß:
»Ein Königreich für einen Omnibus!
145 Auf, auf! helft, helft! schon hört man ganz nah
Trom trom, trom trom, – trari, trara!«
O Rippoldsau, du stilles Thal,
Wie warst du verwandelt mit einem Mal,
Seit der Sündflut hat, in verworrener Flucht,
150 Keine Gesellschaft so das Weite gesucht.
Hier trug ein Herr auf erhobenem Arm
Eine ohnmächtige Dame durch den Schwarm,
Hier galoppte ein Reiter die Straße hinab,
Dort entfernte ein Hausknecht zu Fuß sich im Trab
155 Ja, ein verspäteter Unglückssohn
Ritt auf dem Haushund Sultan davon.
Eine halbe Stunde – und still und stumm
Lag Badhaus und Quelle und Alles ringsum,
Nur auf der Galerie der Musik
160 Blieb einzig ein einzig menschliches Wesen zurück.
Es war der Flötist, er stieg fröhlich und munter
In den menschenverlassenen Saal herunter
Und sprach: »Wozu das unnütze Rennen!
‘S ist Zeit genug noch, um durchzubrennen,
165 Doch ein Laufen mit Durst und mit leerem Magen
Das kann kein Flötenspieler vertragen.«
Er setzte sich an den verlassenen Tisch
Und that sich noch gütlich mit Braten und Fisch,
An Biscuit und Mandeln, am ganzen Dessert,
170 Als ob kein Schwed' in der Nähe wär ...
Auch steckt er gelassen in seine Taschen
Zwei unversehrte Affenthaler Flaschen,
Bis daß auf fünfzig Schritte nah
Es von Neuem klang: trari, trara!
175 Trom trom, trom trom, trom trom, hurrah!
Der Schwed' ist da – der Schwed' ist da!«
Da griff er ruhig zu Flöte und Hut;
»Ich sagt's ja, der Petzold weiß, was er thut.
Jetzt noch ein Glas Wein und das letzte Stück Kuchen,
180 ... Dann will auch ich den Petzold suchen!«





Entstehungsjahr: 1841-1876
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Aus dem Weiteren
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gaudeamus! Lieder aus dem Engeren und Weiteren von Joseph Victor von Scheffel. Verlag von Adolf Bonz & Comp, Stuttgart: 1876, S. 172-179.
Bemerkungen
Das Entstehungsjahr des Gedichtes ist an den Lebensdaten des Autors orientiert.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.