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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Lied eines Landmanns in der Fremde

Traute Heimat meiner Lieben,
Sinn ich still an dich zurück,
Wird mir wohl; und dennoch trüben
Sehnsuchtstränen meinen Blick.
5 Stiller Weiler, grün umfangen
Von beschirmendem Gesträuch;
Kleine Hütte – voll Verlangen
Denk ich immer noch an euch.
An die Fenster, die mit Reben
10 Einst mein Vater selbst umzog;
An den Birnbaum, der daneben
Auf das niedre Dach sich bog;
An die Stauden, wo ich Meisen
Im Holunderkasten fing;
15 An des stillen Weihers Schleusen,
Wo ich Sonntags fischen ging.
Was mich dort als Kind erfreute,
Kommt mir wieder leibhaft vor;
Das bekannte Dorfgeläute
20 Widerhallt in meinem Ohr.
Selbst des Nachts, in meinen Träumen,
Schiff ich auf der Heimat See;
Schüttle Äpfel von den Bäumen,
Wäßre ihrer Wiesen Klee;
25 Lösch aus ihres Brunnens Röhren
Meinen Durst am schwülen Tag,
Pflück im Walde Heidelbeeren,
Wo ich einst im Schatten lag.
Wann erblick ich selbst die Linde
30 Auf den Kirchenplatz gepflanzt,
Wo gekühlt im Abendwinde,
Unsre frohe Jugend tanzt:
Wann des Kirchturms Giebelspitze,
Halb im Obstbaumwald versteckt,
35 Wo der Storch auf hohem Sitze
Friedlich seine Jungen heckt?
Traute Heimat meiner Väter,
Wird bei deines Friedhofs Tür
Nur einst, früher oder später,
40 Auch ein Ruheplätzchen mir!





Entstehungsjahr: 1780-1786
Erscheinungsjahr: 1800
Aus: / Gedichte erster Teil
Referenzausgabe:
Christian Erni: Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Gesammelte Gedichte. Calven-Verlag, Chur: 1964, S. 105-106.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.