Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Christoph Friedrich von Schiller

Der Pilgrim

Noch in meines Lebens Lenze
    War ich und ich wandert' aus,
Und der Jugend frohe Tänze
    Ließ ich in des Vaters Haus.
5 All mein Erbteil, meine Habe
    Warf ich fröhlich glaubend hin,
Und am leichten Pilgerstabe
    Zog ich fort mit Kindersinn.
Denn mich trieb ein mächtig Hoffen
10     Und ein dunkles Glaubenswort,
Wandle riefs, der Weg ist offen,
    Immer nach dem Aufgang fort.
Bis zu einer goldnen Pforten
    Du gelangst, da gehst du ein,
15 Denn das Irdische wird dorten
    Himmlisch unvergänglich sein.
Abend wards und wurde Morgen,
    Nimmer, nimmer stand ich still,
Aber immer bliebs verborgen,
20     Was ich suche, was ich will.
Berge lagen mir im Wege,
    Ströme hemmten meinen Fuß,
Über Schlünde baut ich Stege,
    Brücken durch den wilden Fluß.
25 Und zu eines Stroms Gestaden
    Kam ich, der nach Morgen floß,
Froh vertrauend seinem Faden,
    Werf ich mich in seinen Schoß.
Hin zu einem großen Meere
30     Trieb mich seiner Wellen Spiel,
Vor mir liegts in weiter Leere,
    Näher bin ich nicht dem Ziel.
Ach kein Steg will dahin führen,
    Ach, der Himmel über mir
35 Will die Erde nie berühren,
    Und das dort ist niemals hier.





Entstehungsjahr: 1803
Erscheinungsjahr: 1803
Aus: Gedichte / Zweiter Teil 1805
Referenzausgabe:
Georg Kurscheidt: Friedrich Schiller. Werke und Briefe, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1992, S. 337-338.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.