Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Verschiedene Fassungen des Gedichts nebeneinander anzeigen

Johann Christoph Friedrich von Schiller

An die Freude

Freude, schöner Götterfunken,
    Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken,
    Himmlische, dein Heiligtum.
5 Deine Zauber binden wieder,
    Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
    Wo dein sanfter Flügel weilt.
                             Chor
10     Seid umschlungen Millionen!
        Diesen Kuß der ganzen Welt!
        Brüder – überm Sternenzelt
    Muß ein lieber Vater wohnen.
Wem der große Wurf gelungen,
15     Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
    Mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
    Sein nennt auf dem Erdenrund!
20 Und wer's nie gekonnt, der stehle
    Weinend sich aus diesem Bund!
                             Chor
    Was den großen Ring bewohnet
        Huldige der Simpathie!
25         Zu den Sternen leitet sie,
    Wo der Unbekannte thronet.
Freude trinken alle Wesen
    An den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
30     Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben
    Einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
    Und der Cherub steht vor Gott.
35                              Chor
    Ihr stürzt nieder, Millionen?
        Ahndest du den Schöpfer, Welt?
        Such ihn überm Sternenzelt,
    Über Sternen muß er wohnen.
40 Freude heißt die starke Feder
    In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
    In der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
45     Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
    Die des Sehers Rohr nicht kennt.
                             Chor
    Froh, wie seine Sonnen fliegen,
50         Durch des Himmels prächt'gen Plan,
        Laufet Brüder eure Bahn,
    Freudig wie ein Held zum siegen.
Aus der Wahrheit Feuerspiegel
    Lächelt sie den Forscher an.
55 Zu der Tugend steilem Hügel
    Leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
    Sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riß gesprengter Särge
60     Sie im Chor der Engel stehn.
                             Chor
    Duldet mutig Millionen!
        Duldet für die bess're Welt!
        Droben überm Sternenzelt
65     Wird ein großer Gott belohnen.
Göttern kann man nicht vergelten,
    Schön ist's ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden,
    Mit den Frohen sich erfreun.
70 Groll und Rache sei vergessen,
    Unserm Todfeind sei verziehn,
Keine Träne soll ihn pressen,
    Keine Reue nage ihn.
                             Chor
75     Unser Schuldbuch sei vernichtet!
        Ausgesöhnt die ganze Welt!
        Brüder – überm Sternenzelt
    Richtet Gott, wie wir gerichtet.
Freude sprudelt in Pokalen,
80     In der Traube gold'nem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
    Die Verzweiflung Heldenmut – –
Brüder fliegt von euren Sitzen,
    Wenn der volle Römer kreist,
85 Laßt den Schaum zum Himmel spritzen:
    Dieses Glas dem guten Geist.
                             Chor
    Den der Sterne Wirbel loben,
        Den des Seraphs Hymne preist,
90         Dieses Glas dem guten Geist,
    Überm Sternenzelt dort oben!
Festen Mut in schwerem Leiden,
    Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwor'nen Eiden,
95     Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen, –
    Brüder, gält es Gut und Blut, –
Dem Verdienste seine Kronen,
    Untergang der Lügenbrut!
100                              Chor
    Schließt den heil'gen Zirkel dichter,
        Schwört bei diesem gold'nen Wein:
        Dem Gelübde treu zu sein,
    Schwört es bei dem Sternenrichter!





Entstehungsjahr: 1785
Erscheinungsjahr: 1805
Fassung: Späte
Aus: Gedichte / Zweiter Teil. 1805
Referenzausgabe:
Georg Kurscheidt: Friedrich Schiller. Werke und Briefe, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1992, S. 248-251.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: An die Freude , entstanden 1785

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.