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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Max von Schenkendorf

Muttersprache

Muttersprache, Mutterlaut,
Wie so wonnesam, so traut!
Erstes Wort, das mir erschallet,
Süßes, erstes Liebeswort,
5 Erster Ton, den ich gelallet,
Klingest ewig in mir fort.
Ach, wie trüb ist meinem Sinn,
Wann ich in der Fremde bin,
Wann ich fremde Zungen üben,
10 Fremde Worte brauchen muß,
Die ich nimmermehr kann lieben,
Die nicht klingen als ein Gruß!
Sprache, schön und wunderbar,
Ach, wie klingest du so klar!
15 Will noch tiefer mich vertiefen
In den Reichtum, in die Pracht,
Ist mir's doch, als ob mich riefen
Väter aus des Grabes Nacht.
Klinge, klinge fort und fort,
20 Heldensprache, Liebeswort,
Steig empor aus tiefen Grüften,
Längst verschollnes altes Lied,
Leb' aufs neu in heil'gen Schriften,
Daß dir jedes Herz erglüht.
25 Überall weht Gottes Hauch,
Heilig ist wohl mancher Brauch;
Aber soll ich beten, danken,
Geb' ich meine Liebe kund,
Meine seligsten Gedanken,
30 Sprech' ich wie der Mutter Mund!





Entstehungsjahr: 1814
Erscheinungsjahr: 1814
Aus: Stimmen der Zeit
Referenzausgabe:
Edgar Groß: Max von Schenkendorf. Gedichte. Deutsches Verlagshaus Bong & Co: [1912], S. 84-85.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.