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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Max von Schenkendorf

Frühlingsgruß an das Vaterland

Wie mir deine Freuden winken
Nach der Knechtschaft, nach dem Streit!
Vaterland, ich muss versinken
Hier in deiner Herrlichkeit!
5 Wo die hohen Eichen sausen,
Himmelan das Haupt gewandt,
Wo die starken Ströme brausen,
Alles das ist deutsches Land.
Von dem Rheinfall hergegangen
10 Komm' ich, von der Donau Quell,
Und in mir sind aufgegangen
Liebessterne mild und hell;
Niedersteigen will ich, strahlen
Soll von mir der Feuerschein
15 In des Neckars frohen Talen
Und am silberblauen Main.
Weiter, weiter mußt du dringen,
Du mein deutscher Freiheitsgruß,
Sollst vor meiner Hütte klingen
20 An dem fernen Memelfluß.
Wo noch deutsche Worte gelten,
Wo die Herzen, stark und weich,
Zu dem Freiheitskampf sich stellten,
Ist auch heil'ges deutsches Reich.
25 Alles ist in Grün gekleidet,
Alles strahlt im jungen Licht,
Anger, wo die Herde weidet,
Hügel, wo man Trauben bricht.
Vaterland! in tausend Jahren
30 Kam dir solch ein Frühling kaum;
Was die hohen Väter waren,
Heißet nimmermehr ein Traum.
Aber einmal müsst ihr ringen
Noch in ernster Geisterschlacht
35 Und den letzten Feind bezwingen,
Der im Innern drohend wacht.
Haß und Argwohn müßt ihr dämpfen,
Geiz und Neid und böse Lust,
Dann nach schweren, langen Kämpfen
40 Kannst du ruhen, deutsche Brust.
Jeder ist dann reich an Ehren,
Reich an Demut und an Macht;
So kann nur sich selbst verklären
Unsers Kaisers heil'ge Pracht.
45 Alte Sünden müssen sterben
In der gottgesandten Flut
Und an einen sel'gen Erben
Fallen das entsühnte Gut.
Segen Gottes auf den Feldern,
50 In des Weinstocks heil'ger Frucht;
Manneslust in grünen Wäldern,
In den Hütten frohe Zucht;
In der Brust ein frommes Sehnen,
Ew'ger Freiheit Unterpfand:
55 Liebe spricht in zarten Tönen
Nirgends wie im deutschen Land.
Ihr in Schlössern, ihr in Städten,
Welche schmücken unser Land;
Ackersmann, der auf den Beeten
60 Deutsche Frucht in Garben band,
Traute deutsche Brüder, höret
Meine Worte alt und neu:
Nimmer wird das Reich zerstöret,
Wenn ihr einig seit und treu!





Entstehungsjahr: 1814
Erscheinungsjahr: 1815
Aus: Stimmen der Zeit
Referenzausgabe:
Edgar Groß: Max von Schenkendorf. Gedichte. Deutsches Verlagshaus Bong & Co: [1912], S. 58-60.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.