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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Robert Reinick

Sommernacht

    Der laute Tag ist fortgezogen,
Es kommt die stille Nacht herauf,
Und an dem weiten Himmelsbogen
Da gehen tausend Sterne auf,
5 Und wo sich Erd' und Himmel einen
In einem lichten Nebelband,
Beginnt der helle Mond zu scheinen
Mit mildem Glanz in's dunkle Land.
    Da geht durch alle Welt ein Grüßen
10 Und schwebet hin von Land zu Land;
Das ist ein leises Liebesküssen,
Das Herz dem Herzen zugesandt,
Das im Gebete aufwärts steiget,
Wie gute Engel, leicht beschwingt,
15 Das sich zum fernen Liebsten neiget
Und süße Schlummerlieder singt.
    Und wie es durch die Lande gehet,
Da möchte Alles Bote sein:
Der Nachthauch durch die Wipfel wehet,
20 Die stimmen leise rauschend ein;
Und durch den Himmel geht ein Winken
Und auf der Erde nah und fern,
Die Ströme heben an zu blinken,
Und Stern verkündet es dem Stern.
25     O Nacht, wo solche Geister wallen
Im Mondenschein, auf lauer Luft!
O Nacht, wo solche Stimmen schallen
Durch lauter reinen Blüthenduft!
O Sommernacht, so reich an Frieden,
30 So reich an stiller Himmelsruh':
Wie weit zwei Herzen auch geschieden,
Du führest sie einander zu!





Entstehungsjahr: 1820-1844
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Frühling und Liebe
Referenzausgabe:
Berthold Auerbach: Lieder von Robert Reinick, Maler. Verlag von Ernst & Korn: 1863, S. 134-135.
Bemerkungen
Das exakte Datum des Erstdrucks konnte noch nicht ermittelt werden. Das Gedicht bereits in der ersten Auflage der »Lieder« von 1844.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.