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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Robert Reinick

Das fragt sich doch noch sehr!

    Der Abend war so wunderschön,
Da gingen beide wir durch's Feld;
Die Sonne wollte untergehn,
Und schien noch freundlich in die Welt;
5 Die Vögel sangen im Gesträuch,
Im Korn und in der blauen Luft;
Die Blumen blühten voll und reich,
Und um uns her war lauter Duft.
    Mir war gar feierlich zu Muth
10 Und doch dabei ohnmaßen froh;
Ich war der ganzen Welt so gut,
Gott weiß, mir war noch niemals so.
Da sprachen wir denn allerlei,
Wovon, das weiß ich selbst nicht mehr,
15 Und er auch war so gut dabei
Und ging so stille nebenher.
    Doch als ich einmal mich gewandt,
Ich weiß nicht mehr, aus welchem Grund,
Da drückt' er plötzlich meine Hand,
20 Und küßt' mich leise auf den Mund;
Und ich, ich konnt' nicht widerstehn,
Ich habe wieder ihn geküßt,
Und kann noch immer nicht verstehn,
Wie's mir nur eingefallen ist.
25     Doch bin ich wirklich mir bewußt,
Daß dieser Kuß nichts Böses war;
War's doch nachher in meiner Brust
So rein, wie es gewesen war.
Ich hätt's auch Jedem gern gethan,
30 Der irgend mir begegnet wär',
Und doch! – wär' es ein andrer Mann –
Je nun, – das fragt sich doch noch sehr!





Entstehungsjahr: 1820-1844
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Frühling und Liebe / Des Mädchens Geständniß 1
Referenzausgabe:
Berthold Auerbach: Lieder von Robert Reinick, Maler. Verlag von Ernst & Korn: 1863, S. 87-88.
Bemerkungen
Das exakte Ersterscheinungsjahr kontte noch nicht ermittelt werden, das Gedicht findet sich bereits in der ersten Auflage der »Lieder« von 1844 unter dem Titel »Des Mädchens Geständnis«.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.