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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Anton Alexander Graf von Auersperg (Anastasius Grün)

Deutscher Brauch
1495

Zur Gruft sank Kaiser Friedrich. Gott geb' ihm sanfte Ruh!
Max faßt sein gülden Zepter, – ei, Sonnenaar, Glück zu!
Zu Worms nun hielt er Reichstag. Auf, Fürstenschar, herbei,
Zu raten und zu fördern, daß Recht und Licht gedeih'!
5 Einst in dem dumpfen Ratsaal sprang Max empor in Hast,
Der Staub der Pergamente nahm ihm den Odem fast,
Die spitzen, klugen Reden, die machten toll ihn schier,
Da rief er seinen Narren: »Freund Kunze, komm mit mir!«
Den Treuen liebt er vor allen, wohl einem Gärtner gleich,
10 Der jeden Baum mit Liebe pflegt in dem Gartenreich,
Doch einen sich erkoren, in dessen Schattenhut
Nach schwüler Tagesmüh' er am liebsten abends ruht.
Es wallten nun die beiden die Straßen ein und aus,
Dort auf dem großen Marktplatz sahn sie ein stattlich Haus,
15 Da rief der Kunz: »Mein König, schließt Eure Augen schnell!
Denn, traun, schon las manch einer sich blind an dieser Stell'.
Französisch ist's; ihr wißt ja, wie's Frankreichs Söhne treiben,
Die anders schreiben als sprechen und anders lesen als schreiben
Und anders sprechen als denken und anders setzen als singen,
20 Die groß in allem Kleinen und klein in großen Dingen.«
Ein Rittersmann aus Frankreich wohnt in dem stolzen Haus,
Sein Wappenschild, hell glänzend, hängt hoch zur Pfort' heraus,
Mit Schnörkelzügen zierlich in blankem Goldesschein
Schrieb rings er diese Worte ins bunte Wappen ein:
25 »Erst Gott zum Gruß, wer's lieset! Auf, Deutscher, kühn und wert,
Hier harrt ein Schild des deinen, wenn kampfesfroh dein Schwert,
Und magst du mich bezwingen nach Ritterbrauch und Recht,
Will ich mich dir verdingen als letzter Rüdenknecht.«
Stumm schritt der König fürder; doch an des Ritters Schild
30 Hängt bald ein Edelknappe der Habsburg Wappenbild;
Und mit dem Frührot harrend auf sand'gem Kampfesrund,
Der König gegenüber dem fränk'schen Ritter stund.
Und säng' ich, wie er geschwungen das Schwert, sein breites, treues,
Wie flink gelenkt den Kampfspeer, so säng' ich euch nichts Neues;
35 Und sagt' ich, wie nimmermüde er Hieb und Stoß gesellt,
Ihr wißt ja, wie's der Deutsche genüber dem Franzmann hält.
Und höher stieg die Sonne; der Franzmann lag im Sand,
Das Siegesschwert hell leuchtend ragt hoch in Maxens Hand,
»So schlägt ein deutscher Ritter!« er sprach's und stand verklärt,
40 Wie Sankt Michael der Sieger mit seinem Flammenschwert.
»Ihr habt Euch mir ergeben als letzter Rüdenknecht,
Wohlan, Ihr sollt erfahren nun meines Amtes Recht!«
Sein Schwert nun schwang er dreimal: »Steh auf, mein Ritter wert!
So schlägt ein deutscher König, seid brav wie Euer Schwert!«
45 Singt's allem Land, ihr Sänger, des Fürsten Tat und Wort,
Neigt euer Schwert, ihr Ritter, vor eures Kreises Hort,
Bekränzt des Siegers Schläfe, ihr schönsten deutschen Frau'n,
Jauchzt auf, ihr deutschen Herzen, in allen deutschen Gau'n!
Viel saft'ge Trauben schwellen ringsher um Worms am Rhein,
50 »Milch unsrer lieben Frauen,« so heißt dort jener Wein;
Saugt jene Milch, ihr Greise, sie macht euch wieder zum Kind,
O Herr, gib unserm Lande viel Milch so süß und lind!
Aus Goldgefäßen quoll sie an Maxens Abendtisch,
Gleichwie aus goldnen Eutern, so labend, klar und frisch;
55 Wie zecht' an Maxens Seite der fränk'sche Rittersmann!
Wie wärmend da der Glühborn durch Kunzens Kehle rann!
Der Franzmann hob den Becher, begeistert flammt sein Blut:
»Heil Max dir, edler Deutscher, so tapfer und so gut!«
»Hoho!« rief Kunz halb grimmig, »jetzt bindet mit mir an,
60 Wer auf dies Wohl herzinn'ger und besser trinken kann!«
Und säng' ich, wie er das Kelchglas geschwungen, sein tiefes, treues,
Wie flink die Krüg' entsiegelt, so säng ich euch nichts Neues;
Und sagt' ich, wie nimmermüde er Glas zu Glas gesellt,
Ihr wißt ja, wie's der Deutsche genüber dem Becher hält.
65 Wie Schilder Klangen die Humpen zusammen hell mit Macht,
Die Blicke blitzten genüber wie Lanzen in der Schlacht!
Wer fiel, wer stand im Wettkampf? Wohl kam es nie ans Licht;
Frug man am Morgen die beiden, sie wußten's selber nicht.





Entstehungsjahr: 1821-1876
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte / Der letzte Ritter
Referenzausgabe:
Anton Schlossar: Anastasius Grüns sämtliche Werke in zehn Bänden, Bd. 5. Max Hesses Verlag: [1907], S. 62-64.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten des Gedichts sind am den Lebensdaten des Autors ermittelt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.