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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Emanuel Geibel

Mittagszauber

  Im Garten wandelt hohe Mittagszeit,
Der Rasen glänzt, die Wipfel schatten breit;
Von oben sieht, getaucht in Sonnenschein
Und leuchtend Blau, der alte Dom herein.
5   Am Birnbaum sitzt mein Töchterchen im Gras;
Die Märchen liest sie, die als Kind ich las;
Ihr Antlitz glüht, es ziehn durch ihren Sinn
Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin.
  Kein Laut von außen stört; ’s ist Feiertag —
10 Nur dann und wann vom Turm ein Glockenschlag!
Nur dann und wann der mattgedämpfte Schall
Im hohen Gras von eines Apfels Fall!
  Da kommt auf mich ein Dämmern wunderbar;
Gleichwie im Traum verschmilzt, was ist und war:
15 Die Seele löst sich und verliert sich weit
Ins Märchenreich der eignen Kinderzeit.





Entstehungsjahr: 1835-1884
Erscheinungsjahr: 1906
Aus: Gedichte und Gedenkblätter
Referenzausgabe:
Wolfgang Stammler: Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 2. Bibliographisches Institut, Leipzig: 1918, S. 193-194.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.