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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Emanuel Geibel

Ich sah den Wald sich färben

  Ich sah den Wald sich färben,
Die Luft war grau und stumm;
Mir war betrübt zum Sterben,
Und wußt' es kaum, warum.
5   Durchs Feld vom Herbstgestäude
Hertrieb das dürre Laub;
Da dacht' ich: Deine Freude
Ward so des Windes Raub.
  Dein Lenz, der blütenvolle,
10 Dein reicher Sommer schwand;
An die gefrorne Scholle
Bist du nun festgebannt.
  Da plötzlich floß ein klares
Getön in Lüften hoch:
15 Ein Wandervogel war es,
Der nach dem Süden zog.
  Ach, wie der Schlag der Schwingen,
Das Lied ins Ohr mir kam,
Fühlt' ich's wie Trost mir dringen
20 Zum Herzen wundersam.
  Es mahnt' aus heller Kehle
Mich ja der flücht'ge Gast:
Vergiß, o Menschenseele,
Nicht, daß du Flügel hast!





Entstehungsjahr: 1846-1847
Erscheinungsjahr: 1906
Aus: Juniuslieder
Referenzausgabe:
Wolfgang Stammler: Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 1. Bibliographisches Institut, Leipzig: 1918, S. 270.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.