Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Emanuel Geibel

Rühret nicht daran

  Wo still ein Herz voll Liebe glüht
O rühret, rühret nicht daran!
Den Gottesfunken löscht nicht aus!
Fürwahr, es ist nicht wohlgetan.
5   Wenn's irgend auf dem Erdenrund
Ein unentweihtes Plätzchen gibt,
So ist's ein junges Menschenherz,
Das fromm zum ersten Male liebt.
  O gönnet ihm den Frühlingstraum,
10 In dem's voll ros'ger Blüten steht!
Ihr wißt nicht, welch ein Paradies
Mit diesem Traum verloren geht.
  Es brach schon manch ein starkes Herz,
Da man sein Lieben ihm entriß,
15 Und manches duldend wandte sich
Und ward voll Haß und Finsternis;
  Und manches, das sich blutend schloß,
Schrie laut nach Luft in seiner Not,
Und warf sich in den Staub der Welt;
20 Der schöne Gott in ihm war tot.
  Dann weint ihr wohl und klagt euch an;
Doch keine Träne heißer Reu'
Macht eine welke Rose blühn,
Erweckt ein totes Herz aufs neu.





Entstehungsjahr: 1842-1843
Erscheinungsjahr: 1906
Aus: Jugendgedichte
Referenzausgabe:
Wolfgang Stammler: Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 1. Bibliographisches Institut, Leipzig: 1918, S. 144-145.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.