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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Lebt wohl

Lebt wohl, es kann nicht anders seyn!
Spannt flatternd eure Segel aus,
Laßt mich in meinem Schloß allein,
Im öden geisterhaften Haus.
5 Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch
Und meinen letzten Sonnenstrahl,
Er scheide, scheide nur sogleich,
Denn scheiden muß er doch einmal.
Laßt mich an meines Seees Bord,
10 Mich schaukelnd mit der Wellen Strich,
Allein mit meinem Zauberwort
Dem Alpengeist und meinem Ich.
Verlassen, aber einsam nicht,
Erschüttert, aber nicht zerdrückt,
15 Solange noch das heil'ge Licht
Auf mich mit Liebesaugen blickt,
So lange mir der frische Wald
Aus jedem Blatt Gesänge rauscht,
Aus jeder Klippe, jedem Spalt
20 Befreundet mir der Elfe lauscht,
Solange noch der Arm sich frei
Und waltend mir zum Aether streckt,
Und jedes wilden Geiers Schrei
In mir die wilde Muse weckt.





Entstehungsjahr: 1844
Erscheinungsjahr: 1844
Aus: Gedichte ein Einzelveröffentlichungen
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 325.
Bemerkungen
Erstdruck im »Morgenblatt für gebildete Leser«, Stuttgart, Tübingen, Nr. 207, 28. August 1844, S. 825-826.
Nicht in der 2. Auflage der Gedichte von 1844 enthalten.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.