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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Emanuel Geibel

Morgenwanderung

  Wer recht in Freuden wandern will,
Der geh‘ der Sonn' entgegen;
Da ist der Wald so kirchenstill,
Kein Lüftchen mag sich regen;
5       Noch sind nicht die Lerchen wach,
      Nur im hohen Gras der Bach
Singt leise den Morgensegen.
  Die ganze Welt ist wie ein Buch,
Darin uns aufgeschrieben
10 In bunten Zeilen manch ein Spruch,
Wie Gott uns treu geblieben;
     Wald und Blumen nah und fern
     Und der helle Morgenstern
Sind Zeugen von seinem Lieben.
15   Da zieht die Andacht wie ein Hauch
Durch alle Sinne leise,
Da pocht ans Herz die Liebe auch
In ihrer stillen Weise,
    Pocht und pocht, bis sich's erschließt
20     Und die Lippe überfließt
Von lautem, jubelndem Preise.
  Und plötzlich läßt die Nachtigall
Im Busch ihr Lied erklingen,
In Berg und Tal erwacht der Schall
25 Und will sich aufwärts schwingen,
     Und der Morgenröte Schein
    Stimmt in lichter Glut mit ein:
Laßt uns dem Herrn lobsingen.





Entstehungsjahr: 1838-1840
Erscheinungsjahr: 1906
Aus: Jugendgedichte
Referenzausgabe:
Wolfgang Stammler: Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 1. Bibliographisches Institut, Leipzig: 1918, S. 126-127.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.