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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Emanuel Geibel

Rheinsage

  Am Rhein, am grünen Rheine,
Da ist so mild die Nacht,
Die Rebenhügel liegen
In goldner Mondenpracht.
5   Und an den Hügeln wandelt
Ein hoher Schatten her
Mit Schwert und Purpurmantel,
Die Krone vom Golde schwer.
  Das ist der Karl, der Kaiser,
10 Der mit gewalt'ger Hand
Vor vielen hundert Jahren
Geherrscht im deutschen Land.
  Er ist heraufgestiegen
Zu Aachen aus der Gruft
15 Und segnet seine Reben
Und atmet Traubenduft.
  Bei Rüdesheim da funkelt
Der Mond ins Wasser hinein
Und baut eine goldene Brücke
20 Wohl über den grünen Rhein.
  Der Kaiser geht hinüber
Und schreitet langsam fort,
Und segnet längs dem Strome
Die Reben an jedem Ort.
25   Dann kehrt er heim nach Aachen
Und schläft in seiner Gruft,
Bis ihn im neuen Jahre
Erweckt der Trauben Duft.
  Wir aber füllen die Römer
30 Und trinken im goldenen Saft
Uns deutsches Heldenfeuer
Und deutsche Heldenkraft.





Entstehungsjahr: 1834-1835
Erscheinungsjahr: 1906
Aus: Jugendgedichte
Referenzausgabe:
Wolfgang Stammler: Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 1. Bibliographisches Institut, Leipzig: 1918, S. 11-12.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.