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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Eduard Mörike

Die Tochter der Heide

  Wasch dich, mein Schwesterchen, wasch dich!
Zu Robins Hochzeit gehn wir heut':
Er hat die stolze Ruth gefreit.
  Wir kommen ungebeten;
5 Wir schmausen nicht, wir tanzen nicht
Und nicht mit lachendem Gesicht
  Komm' ich vor ihn zu treten.
  Strähl dich, mein Schwesterchen, strähl dich!
Wir wollen ihm singen ein Rätsel-Lied,
10 Wir wollen ihm klingen ein böses Lied;
  Die Ohren sollen ihm gellen.
Ich will ihr schenken einen Kranz
Von Nesseln und von Dornen ganz:
  Damit fährt sie zur Höllen!
15   Schick dich, mein Schwesterchen, schmück dich!
Derweil sie alle sind am Schmaus,
Soll rot in Flammen stehn das Haus,
  Die Gäste schreien und rennen.
Zwei sollen sitzen unverwandt,
20 Zwei hat ein Sprüchlein festgebannt;
  Zu Kohle müssen sie brennen!
  Lustig, mein Schwesterchen, lustig!
Das war ein alter Ammen-Sang.
Den falschen Rob vergaß ich lang.
25   Er soll mich sehen lachen!
Hab' ich doch einen andern Schatz,
Der mit mir tanzet auf dem Platz –
  Sie werden Augen machen!





Entstehungsjahr: 1861
Erscheinungsjahr: 1862
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Gustav Keyßner: Eduard Mörikes Sämtliche Werke. Deutsche Verlags-Anstalt: o. J., S. 17-18.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.