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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Eduard Mörike

Vom Sieben-Nixen-Chor

Manche Nacht im Mondenscheine
Sitzt ein Mann von ernster Schöne,
Sitzt der Magier Drakone
Auf dem Gartenhausbalkone,
5 Mit Prinzessin Liligi;
Lehrt sie allda seine Lehre
Von der Erde, von dem Himmel,
Von dem Traum der Elemente,
Vom Geschick im Sternenkreise.
10 Laß es aber nun genug sein!
Mitternacht ist lang vorüber –
Spricht Prinzessin Liligi –
Und nach solchen Wunderdingen,
Mächtigen und ungewohnten,
15 Lüstet mich nach Kindermärchen,
Lieber Mann, ich weiß nicht, wie!
»Hörst du gern das Lied vom Winde,
Das nicht End' noch Anfang hat,
Oder gern vom Königskinde,
20 Gerne von der Muschelstadt?«
Singe du so heut' wie gestern
Von des Meeres Lustrevier,
Von dem Haus der sieben Schwestern
Und vom Königssohne mir.
25 »Zwischen grünen Wasserwänden
Sitzt der Sieben-Nixen-Chor;
Wasserrosen in den Händen,
Lauschen sie zum Licht empor.
Und wenn oftmals auf der Höhe
30 Schiffe fahren, schattengleich,
Steigt ein siebenfaches Wehe
Aus dem stillen Wasserreich.
Dann zum Spiel kristallner Glocken
Drehn die Schwestern sich im Tanz,
35 Schütteln ihre grünen Locken
Und verlieren Gurt und Kranz.
Und das Meer beginnt zu schwanken,
Well' auf Welle steigt und springt,
Alle Elemente zanken
40 Um das Schiff, bis es versinkt.«
Also sang in Zaubertönen
Süß der Magier Drakone
Zu der lieblichen Prinzessin;
Und zuweilen, im Gesange,
45 Neiget er der Lippen Milde
Zu dem feuchten Rosenmunde,
Zu den hyazintheblauen,
Schon in Schlaf gesenkten Augen
Der betörten Jungfrau hin.
50 Diese meint im leichten Schlummer,
Immer höre sie die Lehre
Von der Erde, von dem Himmel,
Vom Geschick im Sternenkreise,
Doch zuletzt erwachet sie:
55 Laß es aber nun genug sein!
Mitternacht ist lang vorüber,
Und nach solchen Wunderdingen,
Mächtigen und ungewohnten,
Lüstet mich nach Kindermärchen,
60 Lieber Mann, ich weiß nicht, wie!
»Wohl! – Schon auf des Meeres Grunde
Sitzt das Schiff mit Mann und Maus,
Und die Sieben in die Runde
Rufen: Schönster, tritt heraus!
65 Rufen freundlich mit Verneigen:
Komm! es soll dich nicht gereun;
Woll'n dir unsre Kammer zeigen,
Wollen deine Mägde sein.
– Sieh, da tritt vom goldnen Borde
70 Der betörte Königssohn,
Und zu der korallnen Pforte
Rennen sie mit ihm davon.
Doch man sah nach wenig Stunden,
Wie der Nixenbräutigam,
75 Tot, mit sieben roten Wunden,
Hoch am Strand des Meeres schwamm.«
Also sang in Zaubertönen
Süß der Magier Drakone;
Und zuweilen, im Gesange,
80 Neiget er der Lippen Milde
Zu dem feuchten Rosenmunde,
Zu den hyazintheblauen,
Schon in Schlaf gesenkten Augen
Der betörten Jungfrau hin.
85 Sie erwacht zum andernmale,
Sie verlanget immer wieder:
Lieber Mann, ein Kindermärchen
Singe mir zu guter Letzt!
Und er singt das letzte Märchen,
90 Und er küßt die letzten Küsse;
Lied und Kuß hat ausgeklungen,
Aber sie erwacht nicht mehr.
Denn schon war die dritte Woche,
Seit der Magier Drakone
95 Bei dem edeln Königskinde
Seinen falschen Dienst genommen;
Wohlberechnet, wohlbereitet
Kam der letzte Tag heran.
Jetzo fasset er die Leiche,
100 Schwingt sich hoch im Zaubermantel
Durch die Lüfte zu dem Meere,
Rauschet nieder in die Wogen,
Klopft an dem Korallen-Tor,
Führet so die junge Fürstin,
105 Daß auch sie zur Nixe werde,
Als willkommene Genossin
In den Sieben-Nixen-Chor.





Entstehungsjahr: 1828-1837
Erscheinungsjahr: 1838
Aus: Gedichte / Schiffer- und Nixenmärchen 1
Referenzausgabe:
Gustav Keyßner: Eduard Mörikes Sämtliche Werke. Deutsche Verlags-Anstalt: o. J., S. 50-51.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.