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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Im Moose

Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land
Der Dämmrung leise Boten hat gesandt,
Da lag ich einsam noch in Waldes Moose.
Die dunklen Zweige nickten so vertraut,
5 An meiner Wange flüsterte das Kraut,
Unsichtbar duftete die Haiderose.
Und flimmern sah ich, durch der Linde Raum,
Ein mattes Licht, das im Gezweig der Baum
Gleich einem mächt'gen Glühwurm schien zu tragen.
10 Es sah so dämmernd wie ein Traumgesicht,
Doch wuste ich, es war der Heimath Licht,
In meiner eignen Kammer angeschlagen.
Ringsum so still, daß ich vernahm im Laub
Der Raupe Nagen, und wie grüner Staub
15 Mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen.
Ich lag und dachte, ach so Manchem nach,
Ich hörte meines eignen Herzens Schlag,
Fast war es mir als sey ich schon entschlafen.
Gedanken tauchten aus Gedanken auf,
20 Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf,
Gesichter, die mir lange fremd geworden;
Vergeßne Töne summten um mein Ohr,
Und endlich trat die Gegenwart hervor,
Da stand die Welle, wie an Ufers Borden.
25 Dann, gleich dem Bronnen, der verrinnt im Schlund,
Und drüben wieder sprudelt aus dem Grund,
So stand ich plötzlich in der Zukunft Lande;
Ich sah mich selber, gar gebückt und klein,
Geschwächten Auges, am ererbten Schrein
30 Sorgfältig ordnen staub'ge Liebespfande.
Die Bilder meiner Lieben sah ich klar,
In einer Tracht, die jetzt veraltet war,
Mich sorgsam lösen aus verblichnen Hüllen,
Löckchen, vermorscht, zu Staub zerfallen schier,
35 Sah über die gefurchte Wange mir
Langsam herab die karge Thräne quillen.
Und wieder an des Friedhofs Monument,
Dran Namen standen die mein Lieben kennt,
Da lag ich betend, mit gebrochnen Knieen,
40 Und – horch, die Wachtel schlug! Kühl strich der Hauch –
Und noch zuletzt sah ich, gleich einem Rauch,
Mich leise in der Erde Poren ziehen.
Ich fuhr empor, und schüttelte mich dann,
Wie Einer, der dem Scheintod erst entrann,
45 Und taumelte entlang die dunklen Haage,
Noch immer zweifelnd, ob der Stern am Rain
Sey wirklich meiner Schlummerlampe Schein
Oder das ew'ge Licht am Sarkophage.





Entstehungsjahr: 1841-1842
Erscheinungsjahr: 1844
Aus: Gedichte der Ausgabe von 1844 / Fels, Wald und See
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 81-82.
Bemerkungen
Erstdruck in der 2. Auflage der Gedichte von 1844, S. 97-98.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.