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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Eduard Mörike

An eine Aeolsharfe

Tu semper urges flebilibus modis
Mysten ademptum: nec tibi Vespero
  Surgente decedunt amores,
    Nec rapidum fugiente Solem.
5                                     Hor.
Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
10 Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!
Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
15 Der mir so lieb war,
Frisch grünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterweges streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!
20 Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht
Und hinsterbend wieder.
Aber auf einmal,
25 Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,
Meiner Seele plötzliche Regung;
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt,
30 All ihre Blätter vor meine Füße!





Entstehungsjahr: 1837
Erscheinungsjahr: 1838
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Gustav Keyßner: Eduard Mörikes Sämtliche Werke. Deutsche Verlags-Anstalt: o. J., S. 10.
Bemerkungen
„Tu semper urges ...:

„Du trauerst endlos durch Melodien des Grams
Um Mystes Abschied, weder wenn Hesperus
Aufsteigt, räumt dein Geist die Sehnsucht,
Noch, wenn der Sonne Gewalt er fliehet.“

(Horaz, Oden, 2. Buch, Nr.9, Vers 9 ff.;
Übersetzung von Joh. Heinr. Voß)

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.