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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Eduard Mörike

Der Feuerreiter

Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
5 Und auf einmal welch Gewühle
Bei der Brücke, nach dem Feld!
Horch! das Feuerglöcklein gellt:
    Hinterm Berg,
    Hinterm Berg
10 Brennt es in der Mühle!
Schaut! da sprengt er wütend schier
Durch das Tor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Tier,
Als auf einer Feuerleiter!
15 Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle
Rennt er schon, und ist am Ort!
Drüben schallt es fort und fort:
    Hinterm Berg,
    Hinterm Berg
20 Brennt es in der Mühle!
Der so oft den roten Hahn
Meilenweit von fern gerochen,
Mit des heil'gen Kreuzes Span
Freventlich die Glut besprochen –
25 Weh! dir grinst vom Dachgestühle
Dort der Feind im Höllenschein.
Gnade Gott der Seele dein!
    Hinterm Berg,
    Hinterm Berg
30 Ras't er in der Mühle!
Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer;
Doch den kecken Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer.
35 Volk und Wagen im Gewühle
Kehren heim von all dem Graus;
Auch das Glöcklein klinget aus.
    Hinterm Berg,
    Hinterm Berg
40 Brennt's! –
Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe samt der Mützen
Aufrecht an der Kellerwand
Auf der beinern' Mähre sitzen:
45 Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt's in Asche ab.
    Ruhe wohl,
    Ruhe wohl
50 Drunten in der Mühle!





Entstehungsjahr: 1824
Erscheinungsjahr: 1832
Fassung: Andere
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Gustav Keyßner: Eduard Mörikes Sämtliche Werke. Deutsche Verlags-Anstalt: o. J., S. 17.
Bemerkungen

Die »rote Mütze« scheint Sinnbild des brennenden Feuers zu sein, vgl. Heym, Krieg I

Vor der Begründung von Feuerwehren hat die Erscheinung des Feuerreiters noch große Bedeutung gehabt. So gab es beispielsweise im Braunschweigischen Leute, die das Feuer besprechen konnten. Wer diese Kunst lernen wollte, musste sich aber dem Teufel verschreiben. War ein Feuer ausgebrochen, so bestieg der Feuerreiter ein Pferd, nahm einen Teller voll Salz in die Hand und ritt dreimal um das Feuer herum, indem er es mit den Worten besprach:

Feuer, du heiße Flamm’,
Dir gebeut Jesus Christ, der wahre Mann,
Daß du sollst stille stehn
Und nicht weiter gehn.
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes.

Bei dem letzten Male warf er den Teller mit Salz in das Feuer und gab dann schnell seinem Pferde die Sporen, denn das Feuer schlug meterweit hinter ihm her. Es waren aber stets Leute aufgestellt, die sofort hinter dem Reiter Wasser hergossen, wenn er den Teller mit Salz hineingeworfen hatte, damit ihn die Flamme nicht erreichen könne. [Nach einer alten Volkssage (Unbekannte Quelle)]

Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Andere Fassung: [Sehet ihr am Fensterlein] , entstanden 1824

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.