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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

Romanze

In der Väter Hallen ruhte
    Ritter Rudolf's Heldenarm,
Rudolf's, den die Schlacht erfreute,
Rudolf's, welchen Frankreich scheute
5     Und der Sarazenen Schwarm.
Er, der letzte seines Stammes,
    Weinte seiner Söhne Fall;
Zwischen Moosbewachs'nen Mauern
Tönte seiner Klage Trauern
10     In der Zellen Wiederhall.
Agnes mit den goldnen Locken
    War der Greisen Trost und Stab;
Sanft wie Tauben, weiß wie Schwäne,
Küßte sie des Vaters Thräne
15     Von den grauen Wimpern ab.
Ach! Sie weinte selbst im Stillen,
    Wenn der Mond in's Fenster schien.
Albrecht mit der offnen Stirne
Brannte für die edle Dirne,
20     Und die Dirne liebte ihn!
Aber Horst, der hundert Krieger
    Unterhielt in eignem Sold,
Rühmte seines Stammes Ahnen,
Prahlte mit erfocht'nen Fahnen,
25     Und der Vater war ihm hold.
Einst bei'm freien Mahle küßte
    Albrecht ihre weiche Hand,
Ihre sanften Augen strebten
Ihn zu strafen, ach! da bebten
30     Thränen auf das Busenband.
Horst erbrannte, blickte seitwärts
    Auf sein schweres Mordgewehr:
Auf des Ritters Wange glühte
Zorn und Liebe; Feuer sprühte
35     Aus den Augen wild umher.
Drohend warf er seinen Handschuh
    In der Agnes keuschen Schoos;
»Albrecht nimm! zu dieser Stunde
Harr' ich dein im Mühlengrunde!«
40     Kaum gesagt, schon flog sein Roß.
Albrecht nahm das Fehdezeichen
    Ruhig, und bestieg sein Roß;
Freute sich des Mädchens Zähre,
Die, der Lieb' und ihm zur Ehre,
45     Aus dem blauen Auge floß.
Röthlich schimmerte die Rüstung
    In der Abendsonne Strahl;
Von den Hufen ihrer Pferde
Tönte weit umher die Erde
50     Und die Hirsche floh'n in's Thal.
Auf des Söllers Gitter lehnte
    Die betäube Agnes sich,
Sah die blanken Speere blinken,
Sah – den edlen Ritter sinken
55     Sank, wie Albrecht, und erblich.
Bang' von leiser Ahndung spornet
    Horst sein schaumbedecktes Pferd;
Höret nun des Hauses Jammer,
Eilet in des Fräuleins Kammer,
60     Starrt und stürzt sich in sein Schwert.
Rudolf nahm die kalte Tochter
    In den väterlichen Arm,
Hielt sie so zwei lange Tage,
Thränenlos und ohne Klage
65     Und verschied im stummen Harm.





Entstehungsjahr: 1774
Erscheinungsjahr: 1779
Aus: / Oden, Lieder und Balladen
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gesammelte Werke der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Bd. 1. Perthes und Besser: 1820, S. 56-59.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.