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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Die Unbesungenen

'S giebt Gräber wo die Klage schweigt,
Und nur das Herz von innen blutet,
Kein Tropfen in die Wimper steigt,
Und doch die Lava drinnen fluthet;
5 'S giebt Gräber, die wie Wetternacht
An unserm Horizonte stehn
Und alles Leben niederhalten,
Und doch, wenn Abendroth erwacht,
Mit ihren goldnen Flügeln wehn
10 Wie milde Seraphimgestalten.
Zu heilig sind sie für das Lied,
Und mächtge Redner doch vor Allen,
Sie nennen dir was nimmer schied,
Was nie und nimmer kann zerfallen;
15 O, wenn dich Zweifel drückt herab,
Und möchtest athmen Aetherluft,
Und möchtest schauen Seraphsflügel,
Dann tritt an deines Vaters Grab!
Dann tritt an deines Bruders Gruft!
20 Dann tritt an deines Kindes Hügel!





Entstehungsjahr: 1843
Erscheinungsjahr: 1844
Aus: Gedichte der Ausgabe von 1844 / Gedichte vermischten Inhalts
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 167.
Bemerkungen
Erstdruck in der 2. Auflage der Gedichte, 1844, S. 198.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.