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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Hölderlin

Da ich ein Knabe war ...

Da ich ein Knabe war,
  Rettet' ein Gott mich oft
    Vom Geschrei und der Rute der Menschen,
      Da spielt' ich sicher und gut
5         Mit den Blumen des Hains,
          Und die Lüftchen des Himmels
            Spielten mit mir.
Und wie du das Herz
Der Pflanzen erfreust,
10 Wenn sie entgegen dir
Die zarten Arme strecken,
So hast du mein Herz erfreut
Vater Helios! und, wie Endymion,
War ich dein Liebling,
15 Heilige Luna!
Oh all ihr treuen
Freundlichen Götter!
Daß ihr wüßtet,
Wie euch meine Seele geliebt!
20 Zwar damals rief ich noch nicht
Euch mit Namen, auch ihr
Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen
Als kennten sie sich.
Doch kannt' ich euch besser,
25 Als ich je die Menschen gekannt,
Ich verstand die Stille des Äthers
Der Menschen Worte verstand ich nie.
Mich erzog der Wohllaut
Des säuselnden Hains
30 Und lieben lernt' ich
Unter den Blumen.
Im Arme der Götter wuchs ich groß.





Entstehungsjahr: 1798
Erscheinungsjahr: ?
Aus: / Gedichte 1796-1798
Referenzausgabe:
Jochen Schmidt: Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte und Hyperion. Insel-Verlag: 1999, S. 208-209.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.