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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Hölderlin

Heidelberg

Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
  Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
    Du, der Vaterlandsstädte
      Ländlichschönste, so viel ich sah.
5 Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
  Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt
    Leicht und kräftig die Brücke,
      Die von Wagen und Menschen tönt.
Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
10   Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging
    Und herein in die Berge
      Mir die reizende Ferne schien,
Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
  Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
15     Liebend unterzugehen,
      In die Fluten der Zeit sich wirft.
Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
  Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
    All' ihm nach, und es bebte
20       Aus den Wellen ihr lieblich Bild.
Aber schwer in das Tal hing die gigantische
  Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund
    Von den Wettern zerrissen;
      Doch die ewige Sonne goß
25 Ihr verjüngendes Licht über das alternde
  Riesenbild, und umher grünte lebendiger
    Efeu; freundliche Wälder
      Rauschten über die Burg herab.
Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
30   An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,
    Deine fröhlichen Gassen
      Unter duftenden Gärten ruhn.





Entstehungsjahr: 1800
Erscheinungsjahr: ?
Aus: / Gedichte 1800-1805
Referenzausgabe:
Jochen Schmidt: Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte und Hyperion. Insel-Verlag: 1999, S. 242-243.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.