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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Georg Herwegh

O wag' es doch nur einen Tag!

Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag
    Im Zorneswetterschein!
O wag es doch, nur einen Tag,
    Nur einen frei zu sein!
5 Und ob der Sieg vor Sternenlicht
    Dem Feinde schon gehört –
Nur einen Tag! Es rechnet nicht
    Ein Herz, das sich empört.
O wart in Deiner tiefen Not
10     Auf keinen Ehebund;
Wer liebt, der gehet in den Tod
    Für eine Schäferstund:
Und wer die Ketten knirschend trug,
    Dem ist das Sterben Lust
15 Für einen freien Atemzug
    Aus unterdrückter Brust.
Mag düstre Weisheit fort und fort
    Nur Tod und Schrecken sehn,
Dem Volk soll vor Prophetenwort
20     Der Ruf der Ehre gehen.
Horch auf, der letzte Würfel fällt,
    Dein Abend, er ist nah,
Noch einmal stehe vor der Welt
    In Deiner Größe da!
25 O tilg nur einen Augenblick
    Aus Deine Sklaverei,
Und zeig dem grollenden Geschick,
    Daß sie nicht ewig sei;
Erwach aus Deinem bösen Traum
30     Reif ist, die du gesucht,
Und schüttle nicht zu spät vom Baum,
    Wenn sie gefault, die Frucht.
Wach auf! Wach auf! Die Morgenluft
    Schlägt mahnend an Dein Ohr –
35 Aus deiner tausendjähr'gen Gruft
    Empor, mein Volk, empor!
Laß kommen, was da kommen mag:
    Blitz' auf ein Wetterschein!
Und wag's, und wär's nur einen Tag,
40     Ein freies Volk zu sein!





Entstehungsjahr: um 1850
Erscheinungsjahr: ?
Referenzausgabe:
Karl Otten: Georg Herwegh. Was macht Deutschland? Gedichte. Athenäum-Verlag: 1981, S. 32-33.
Bemerkungen
Uns liegen keine Angaben zum Erstdruck vor.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.