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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Der Geyerpfiff

»Nun still! – Du an den Dohnenschlag!
Du links an den gespaltnen Baum!
Und hier der faule Fetzer mag
Sich lagern an der Klippe Saum:
5 Da seht fein offen über's Land
Die Kutsche ihr heran spazieren:
Und Rieder dort, der Höllenbrand,
Mag in den Steinbruch sich postiren!«
»Dann aufgepaßt mit Aug' und Ohr,
10 Und bei dem ersten Räderhall
Den Eulenschrei! und tritt hervor
Die Fracht, dann wiederholt den Schall:
Doch naht Gefahr – Patrouillen gehn, –
Seht ihr die Landdragoner streifen,
15 Dann dreimal, wie von Riffeshöhn,
Laßt ihr den Lämmergeier pfeifen
»Nun, Rieder, noch ein Wort zu dir:
Mit Recht heißt du der Höllenbrand;
Kein Stückchen – ich verbitt' es mir –
20 Wie neulich mit der kalten Hand!«
Der Hauptmann spricht es; durch den Kreis
Ein Rauschen geht und feines Schwirren,
Als sie die Büchsen schultern leis,
Und in den Gurt die Messer klirren.
25 Seltsamer Troß! hier Riesenbau
Und hiebgespaltnes Angesicht,
Und dort ein Bübchen wie 'ne Frau,
Ein zierliches Spelunkenlicht;
Der drüben an dem Scheitelhaar
30 So sachte streift den blanken Fänger,
Schaut aus den blauen Augen gar
Wie ein verarmter Minnesänger.
'S ist lichter Tag! die Bande scheut
Vor keiner Stunde – Alles gleich; –
35 Es ist die rothe Bande, weit
Verschrien, gefürchtet in dem Reich;
Das Knäbchen kauert unter'm Stier
Und betet, raschelt es im Walde,
Und manches Weib verschließt die Thür,
40 Schreit nur ein Kukuk an der Halde.
Die Posten haben sich zerstreut,
Und in die Hütte schlüpft der Troß –
Wildhüters Obdach, zu der Zeit,
Als jene Trümmer war ein Schloß:
45 Wie Ritter vor der Ahnengruft,
Fühlt sich der Räuber stolz gehoben
Am Schutte, dran ein gleicher Schuft
Vor Jahren einst den Brand geschoben.
Und als der letzte Schritt verhallt,
50 Der letzte Zweig zurück gerauscht,
Da wird es einsam in dem Wald,
Wo über'm Ast die Sonne lauscht;
Und als es drinnen noch geklirrt,
Und noch ein Weilchen sich geschoben,
55 Da still es in der Hütte wird,
Vom wilden Weingerank umwoben.
Der scheue Vogel setzt sich kühn
Auf's Dach und wiegt sein glänzend Haupt,
Und summend durch der Reben Grün
60 Die wilde Biene Honig raubt;
Nur leise wie der Hauch im Tann,
Wie Weste durch die Halme streifen,
Hört drinnen leise, leise man,
Vorsichtig an den Messern schleifen. –
65  
Ja, lieblich ist des Berges Maid
In ihrer festen Glieder Pracht,
In ihrer blanken Fröhlichkeit
Und ihrer Zöpfe Rabennacht;
70 Siehst du sie brechen durch's Genist
Der Brombeerranken, frisch, gedrungen,
Du denkst, die Centifolie ist
Vor Uebermut vom Stiel gesprungen.
Nun steht sie still und schaut sich um –
75 Allüberall nur Baum an Baum;
Ja, irre zieht im Walde um
Des Berges Maid und glaubt es kaum;
Noch zwei Minuten, wo sie sann,
Pulsiren ließ die heißen Glieder, –
80 Behende wie ein Marder dann
Schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder.
Am Eingang steht ein Felsenblock,
Wo das Geschiebe überhängt;
Der Epheu schüttelt sein Gelock,
85 Zur grünen Laube vorgedrängt:
Da unter'm Dache lagert sie,
Behaglich lehnend an dem Steine,
Und denkt: ich sitze wahrlich wie
Ein Heil'genbildchen in dem Schreine!
90 Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar
Sie löset mit der runden Hand,
Und nieder rauscht ihr schwarzes Haar
Wie Rabenfittiges Gewand.
Ei! denkt sie, bin ich doch allein!
95 Auf springt das Spangenpaar am Mieder;
Doch unbeweglich gleich dem Stein
Steht hinter'm Block der wilde Rieder:
Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß,
Der tändelnd schaukelt wie ein Schiff,
100 Zuweilen treibt des Windes Gruß
Auch eine Locke um das Riff,
Doch ihres heißen Odems Zug,
Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen,
Verlorne Laute, wie im Flug
105 Lockvögel, um das Ohr ihm spielen.
So weich die Luft und badewarm,
Berauschend Thimianes Duft,
Sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm,
Den vollen, streckt sie aus der Kluft,
110 Schließt dann ihr glänzend Augenpaar –
Nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde –
So dämmert sie und die Gefahr
Wächst von Sekunde zu Sekunde.
Nun alles still – sie hat gewacht –
115 Doch hinter'm Steine wird's belebt
Und seine Büchse sachte, sacht,
Der Rieder von der Schulter hebt,
Lehnt an die Klippe ihren Lauf,
Dann lockert er der Messer Klingen,
120 Hebt nun den Fuß – was hält ihn auf?
Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen!
Ha, das Signal! – er ballt die Faust –
Und wiederum des Geyers Pfiff
Ihm schrillend in die Ohren saust –
125 Noch zögert knirschend er am Riff –
Zum dritten Mal – und sein Gewehr
Hat er gefaßt – hinan die Klippe!
Daß bröckelnd Kies und Sand umher
Nachkollern von dem Steingerippe.
130 Und auch das Mädchen fährt empor:
»Ei, ist so locker das Gestein?«
Und langsam, gähnend tritt hervor
Sie aus dem falschen Heil'genschrein,
Hebt ihrer Augen feuchtes Glühn,
135 Will nach dem Sonnenstande schauen,
Da sieht sie einen Geyer ziehn
Mit einem Lamm in seinen Klauen.
Und schnell gefaßt, der Wildniß Kind,
Tritt sie entgegen seinem Flug:
140 Der kam daher, wo Menschen sind,
Das ist der Bergesmaid genug.
Doch still! war das nicht Stimmenton
Und Räderknarren? still! sie lauscht –
Und wirklich, durch die Nadeln schon
145 Die schwere Kutsche ächzt und rauscht.
»He, Mädchen!« ruft es aus dem Schlag,
Mit feinem Knicks tritt sie heran:
»Zeig uns zum Dorf die Wege nach,
Wir fuhren irre in dem Tann!« –
150 »Herr«, spricht sie lachend, »nehmt mich auf,
Auch ich bin irr' und führ' Euch doch.«
»Nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf,
Nur frisch hinauf, du zögerst noch?«
»Herr, was ich weiß, ist nur gering,
155 Doch führt es Euch zu Menschen hin,
Und das ist schon ein köstlich Ding
Im Wald, mit Räuberhorden drin:
Seht, einen Weih am Bergeskamm
Sah steigen ich aus jenen Gründen,
160 Der in den Fängen trug ein Lamm;
Dort muß sich eine Heerde finden.« –
Am Abend steht des Forstes Held
Und flucht die Steine warm und kalt:
Der Wechsler freut sich, daß sein Geld
165 Er klug gesteuert durch den Wald:
Und nur die gute, franke Maid
Nicht ahnet in der Träume Walten,
Daß über sie so gnädig heut
Der Himmel seinen Schild gehalten. –





Entstehungsjahr: 1840
Erscheinungsjahr: 1841
Aus: Gedichte der Ausgabe von 1844 / Balladen
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 264-268.
Bemerkungen
Erstdruck 1841 in »Deutscher Musenalmanach für 1841«, hg. v. Theodor Echtermeyer und Arnold Ruge, S. 72-80

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.