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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiί

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Der Fundator

Im Westen schwimmt ein falber Strich,
Der Abendstern entzündet sich
Grad' über'm Sankt Georg am Thore;
Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore.
5 Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht
Um's Eiland, wo die graue Wacht
Sich hebt aus Wasserbins' und Rohre.
Auf ihrem Dach die Fledermaus,
Sie schaukelt sich, sie breitet aus
10 Den Rippenschirm des Schwingenflosses,
Und, mit dem Schwirren des Geschosses,
Entlang den Teich, hinauf, hinab,
Dann klammert sie am Fensterstab,
Und blinzt in das Gemach des Schlosses.
15 Ein weit Gelaß, im Sammetstaat!
Wo einst der mächtige Prälat
Des Hauses Chronik hat geschrieben.
Frisch ist der Baldachin geblieben,
Der güldne Tisch, an dem er saß,
20 Und seine Seelenmesse las
Man heut in der Kapelle drüben.
Heut sind es grade hundert Jahr,
Seit er gelegen auf der Bahr'
Mit seinem Kreuz und Silberstabe.
25 Die ewge Lamp' an seinem Grabe
Hat heute hundert Jahr gebrannt.
In seinem Sessel an der Wand
Sitzt heut ein schlichter alter Knabe.
Des Hauses Diener, Sigismund,
30 Harrt hier der Herrschaft, Stund' auf Stund:
Schon kam die Nacht mit ihren Flören,
Oft glaubt die Kutsche er zu hören,
Ihr Quitschern in des Weges Kies,
Er richtet sich – doch nein – es blies
35 Der Abendwind nur durch die Föhren.
'S ist eine Dämmernacht, genau
Gemacht für Alp und weiße Frau.
Dem Junkerlein ward es zu lange,
Dort schläft es hinter'm Damasthange.
40 Die Chronik hält der Alte noch,
Und blättert fort im Finstern, doch
Im Ohre summt es gleich Gesange:
»So hab' ich dieses Schloß erbaut,
Ihm mein Erworbnes anvertraut,
45 Zu des Geschlechtes Nutz und Walten;
Ein neuer Stamm sprießt aus dem alten,
Gott segne ihn! Gott mach' ihn groß! –«
Der Alte horcht, das Buch vom Schooß
Schiebt sacht er in der Lade Spalten:
50 Nein – durch das Fenster ein und aus
Zog schrillend nur die Fledermaus;
Nun schießt sie fort. – Der Alte lehnet
Am Simse. Wie der Teich sich dehnet
Um's Eiland, wo der Warte Rund
55 Sich tief schattirt im matten Grund.
Das Röhricht knirrt, die Unke stöhnet.
Dort, denkt der Greis, dort hat gewacht
Der alte Kirchenfürst, wenn Nacht
Sich auf den Weiher hat ergossen.
60 Dort hat den Reiher er geschossen,
Und zugeschaut des Schlosses Bau,
Sein weiß Habit, sein Auge grau,
Lugt' drüben an den Fenstersprossen.
Wie scheint der Mond so kümmerlich!
65 – Er birgt wohl hinter'm Tanne sich –
Schaut nicht der Thurm wie 'ne Laterne,
Verhauchend, dunstig, aus der Ferne!
Wie steigt der blaue Duft im Rohr,
Und rollt sich am Gesims empor!
70 Wie seltsam blinken heut' die Sterne!
Doch ha! – er blinzt, er spannt das Aug',
Denn dicht und dichter schwillt der Rauch,
Als ob ein Docht sich langsam fache,
Entzündet sich im Thurmgemache
75 Wie Mondenschein ein graues Licht,
Und dennoch – dennoch – las er nicht,
Nicht Neumond heut im Almanache? –
Was ist das? deutlich, nur getrübt
Vom Dunst der hin und wieder schiebt,
80 Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten,
Und nun, – nun kömmt es hergeschritten,
Ganz wie ein Schatten an der Wand,
Es hebt den Arm, es regt die Hand, –
Nun ist es an den Tisch geglitten.
85 Und nieder sitzt es, langsam, steif,
Was in der Hand? – ein weißer Streif! –
Nun zieht es Etwas aus der Scheiden
Und fingert mit den Händen beiden,
Ein Ding, – ein Stäbchen ungefähr, –
90 Dran fährt es langsam hin und her,
Es scheint die Feder anzuschneiden.
Der Diener blinzt und blinzt hinaus:
Der Schemen schwankt und bleichet aus,
Noch sieht er es die Feder tunken,
95 Da drüber gleitet es wie Funken,
Und in demselbigen Moment
Ist Alles in das Element
Der spurlos finstern Nacht versunken.
Noch immer steht der Sigismund,
100 Noch starrt er nach der Warte Rund,
Ihn dünkt, des Weihers Flächen rauschen,
Weit beugt er über'n Sims, zu lauschen;
Ein Ruder! – nein, die Schwäne ziehn!
Grad hört er längs dem Ufergrün
105 Sie sacht ihr tiefes Schnarchen tauschen.
Er schließt das Fenster. – »Licht, o Licht!« –
Doch mag das Junkerlein er nicht
So plötzlich aus dem Schlafe fassen,
Noch minder es im Saale lassen.
110 Sacht schiebt er sich dem Sessel ein,
Zieht sein korallnes Nösterlein,
– Was klingelt drüben an den Tassen? –
Nein – eine Fliege schnurrt im Glas!
Dem Alten wird die Stirne naß;
115 Die Möbeln stehn wie Todtenmaale,
Es regt und rüttelt sich im Saale,
Allmählig weicht die Thür zurück,
Und in demselben Augenblick
Schlägt an die Dogge im Portale.
120 Der Alte drückt sich dicht zu Hauf,
Er lauscht mit Doppelsinnen auf.
– Ja! am Parket ein leises Streichen,
Wie Wiesel nach der Stiege schleichen –
Und immer härter, Tapp an Tapp,
125 Wie mit Sandalen, auf und ab,
Es kömmt – es naht – er hört es keuchen; –
Sein Sessel knackt! – ihm schwimmt das Hirn –
Ein Odem, dicht an seiner Stirn!
Da fährt er auf und wild zurücke,
130 Errafft das Kind mit blindem Glücke
Und stürzt den Corridor entlang.
O, Gott sey Dank! ein Licht im Gang,
Die Kutsche rasselt auf die Brücke!





Entstehungsjahr: 1841-1842
Erscheinungsjahr: 1844
Aus: Gedichte der Ausgabe von 1844 / Balladen
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 241-244.
Bemerkungen
Erstdruck in der 2. Auflage der Gedichte, 1844
Zunächt unter dem Titel »Der Thurm am Weiher«

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.