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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ferdinand Freiligrath

Kreuzigung

Drei neue Schädel auf der Schädelstatt! -
Die Sonne sengt den Talgrund Josaphat;
Aufschreit der Sand, daß ihn der Kidron wasche.
Ein Wirbelwind entführt der Ebne Staub;
5 Er streut ihn aus auf der Olive Laub:
Der Ölberg steht in Sack und Asche.
Wir aber schreiten zitternd (ich und du,
Der du dies liesest!) jenem Hügel zu,
Auf dem ein Gott am Holze sich verblutet!
10 Wir gehn ihm nach auf seinem letzten Gang;
Wir gehn gebeugt den Leidensweg entlang,
Bis wo die Menge seinen Tod umflutet!
Fort durch die Stadt! - Sieh da, des Prätors Haus! -
Blut auf dem Boden! - Grüß' es, weich' ihm aus!
15 Denk' an die Geißel und die Kron' im Haare! -
Platz! - schon die Römer! Funkelnd Speer an Speer! -
Meide den Mann hier: - das ist Ahasver!
Er stürzt vorbei - hinunter in die Jahre!
Rasch! - hier durchs Tor! - bergauf nun! - wir sind da!
20 Dort stehn die Kreuze! Dies ist Golgatha!
Du hebst die Blicke? Meine senkt das Grauen!
Sie schweifen unstet um der Kreuze Fuß -
Da, was für eigne Kriegsgesellen muß
Am Mittelkreuz mein irrend Auge schauen?
25 Das ist kein Volk vom Saum des Tiberstroms;
Das sind Judäas Augen nicht, noch Roms
Keck in die Feldschlacht ragende Profile!
Ihr wallend Haar ein gelblich grau Gemisch,
Die Augen blau, die Wangen braun und frisch -
30 Sie haben sich gesetzt zum Würfelspiele.
Um einen Mantel sitzen sie im Kreis.
Drauf würfeln sie; er selbst auch ist der Preis,
Der Mantel Christi, drum sie hastig knöcheln.
Komm, lass uns lauschen, was sie reden nur!
35 Rauh drängt ihr Fluch sich, ungeschlacht ihr Schwur
In leises Seufzen, schmerzenvolles Röcheln.
[»]Sechs, fünf und vier! Gut sind sie!« - Ha, ihr Wort
Ist wie ihr Haar! es zeugte sie der Nord!
Germanen sind's! - »Das ist ‘ne heiße Wache!
40 Verruchtes Syrien!« - »Drei und eins und zwei!« -
Vom Kreuze nieder tönt ein matter Schrei -
Der Würfler drauf: »O Schlacht am Knochenbache![«]
»Wisst ihr es noch? Mir deucht es fast wie heut:
O frisches Buchenwehn vom Berge Teut!
45 O kalter Luftzug durch des Winfelds Pässe!
Gepeitscht vom Regen trug sein dampfend Pferd
Den Hermann uns - Varus fiel in sein Schwert -
Schon die Erinnrung kühlt in dieser Esse!«
»Fünf, drei und eins!« - Leis von den Kreuzes Stamm
50 Ruft es: »Mich dürstet!« - »Reich' den Essigschwamm
Auf deinem Speere des Rebellen Munde!
Drei, drei und zwei! Wohl freut dich Winfeldschlacht
In Syrien noch - doch hast du auch gedacht
Des Schlachtenloses einer spätern Stunde?
55 Da sprach der Römer: »Feld und Tag ist mein!« -
»Heut noch mit mir im Paradiese sein
Wirst du!« erschallt es tröstend über ihnen. -
»Hermann geschlagen, Kriegsgefangne wir!
Thusnelda, schwanger, des Triumphes Zier!
60 So kam's, daß wir in Roms Kohorten dienen!
Da! wie viel ist's, was der da drüben schmeißt?« -
»In deine Hände, Vater, meinen Geist
Befehl ich!« - »Sechs, und sechs, und sechs zum dritten!
Den Mantel her! Mein ist das Rebellenhemd!« -
65 Er wirft es um, dasteht er wild und fremd -
Der Mann am Kreuz indes hat ausgelitten.
Auf zu dem Bleichen schaut der Legionär.
Er spricht: »Schon tot?« und öffnet mit dem Speer
Des Toten Seite. - Solltest du es sagen,
70 Daß dieser Jude hoch am Blutgerüst,
Daß dieser Deutsche, der sein Henker ist,
Hinfort vereint die Weltgeschichte tragen? -
Nun Finsternis! - Komm, leih' mir deinen Arm!
Die Erde lebt! bergunter flieht der Schwarm!
75 Die müßigen Schauer alle sind zerrstoben!
Bergab, bergab die Juden ohne Zahl!
Auch Romas Adler wankt hinab ins Tal -
Christ und sein Wächter einzig bleiben oben!
Auf seinen Speer, den tröpfelnden, gestützt,
80 Mit Jesu Blut den nerv'gen Arm bespritzt,
Sieht Rom und Juda ziehn der Veterane.
Der alten Zeit nachstarrt er narbenvoll,
Der eine neue bald erschaffen soll: -
In Christi Mantel der Germane!





Entstehungsjahr: vor 1849
Erscheinungsjahr: 1849
Aus: Zwischen den Garben. Eine Nachlese 1849 / Eigenes
Referenzausgabe:
Ludwig Schröder: Ferdinand Freiligraths sämtliche Werke in zehn Bänden, Bd. 4. Max Hesses Verlag: 1907, S. 14-17.
Bemerkungen
Die in wiss. Klammern eingefügten Anführungszeichen [«] fehlen in der Vorlage und wurden hier redaktionell eingefügt

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.