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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Gottfried Herder

Lied des Lebens

    Flüchtiger als Wind und Welle
Flieht die Zeit; was hält sie auf?
Sie genießen auf der Stelle,
Sie ergreifen schnell im Lauf,
5 Das, Ihr Brüder, hält ihr Schweben,
Hält die Flucht der Tage ein.
Schneller Gang ist unser Leben;
Laßt uns Rosen auf ihn streun!
    Rosen, denn die Tage sinken
10 In des Winters Nebelmeer;
Rosen, denn sie blühn und blinken
Links und rechts noch um uns her.
Rosen stehn auf jedem Zweige
Jeder schönen Jugendthat.
15 Wohl ihm, der bis auf die Neige
Rein gelebt sein Leben hat.
    Tage, werdet uns zum Kranze,
Der des Greises Schläf' umzieht
Und um sie in frischem Glanze
20 Wie ein Traum der Jugend blüht.
Auch die dunkeln Blumen kühlen
Uns mit Ruhe, doppelt süß;
Und die lauen Lüfte spielen
Freundlich uns ins Paradies.





Entstehungsjahr: 1759-1803
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte / Erste Buch
Referenzausgabe:
Heinrich Düntzer: Herder's Werke. Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe, Bd. 1. Gustav Hempel: 1879, S. 38-39.
Bemerkungen
Das Entstehungsjahr ist an den Lebensdaten des Dichters angelehnt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.