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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Das Hirtenfeuer

Dunkel, Dunkel im Moor,
Ueber der Haide Nacht,
Nur das rieselnde Rohr
Neben der Mühle wacht,
5 Und an des Rades Speichen
Schwellende Tropfen schleichen.
Unke kauert im Sumpf,
Igel im Grase duckt,
In dem modernden Stumpf
10 Schlafend die Kröte zuckt,
Und am sandigen Hange
Rollt sich fester die Schlange.
Was glimmt dort hinterm Ginster,
Und bildet lichte Scheiben?
15 Nun wirft es Funkenflinster,
Die löschend niederstäuben;
Nun wieder alles dunkel –
Ich hör des Stahles Picken,
Ein Knistern, ein Gefunkel –
20 Und auf die Flammen zücken.
Und Hirtenbuben hocken
Im Kreis' umher, sie strecken
Die Hände, Torfes Brocken
Seh ich die Lohe lecken;
25 Da bricht ein starker Knabe
Aus des Gestrippes Windel,
Und schleifet nach im Trabe
Ein wüst Wacholderbündel.
Er läßt's am Feuer kippen –
30 Hei, wie die Buben johlen,
Und mit den Fingern schnippen
Die Funken-Girandolen!
Wie ihre Zipfelmützen
Am Ohre lustig flattern,
35 Und wie die Nadeln spritzen,
Und wie die Aeste knattern!
Die Flamme sinkt, sie hocken
Aufs Neu' umher im Kreise,
Und wieder fliegen Brocken,
40 Und wieder schwehlt es leise;
Glührote Lichter streichen
An Haarbusch und Gesichte,
Und schier Dämonen gleichen
Die kleinen Haidewichte.
45 Der da, der Unbeschuh'te,
Was streckt er in das Dunkel
Den Arm wie eine Ruthe,
Im Kreise welch' Gemunkel?
Sie spähn wie junge Geier
50 Von ihrer Ginsterschütte:
Hah, noch ein Hirtenfeuer,
Recht an des Dammes Mitte!
Man sieht es eben steigen
Und seine Schimmer breiten,
55 Den wirren Funkenreigen
Ueber'n Wacholder gleiten;
Die Buben flüstern leise,
Sie räuspern ihre Kehlen,
Und alte Haideweise
60 Verzittert durch die Schmehlen.
»Helo, heloe!
Heloe, loe!
Komm du auf uns're Haide,
Wo ich meine Schäflein weide,
65 Komm, o komm in unser Bruch,
Da gibt's der Blümelein genug, –
Helo, heloe!«
Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann,
Und leise durch den Ginster zieht's heran:
70 Gegenstrophe
»Helo, heloe!
Ich sitze auf dem Walle,
Meine Schäflein schlafen alle,
Komm, o komm in unsern Kamp,
75 Da wächst das Gras wie Brahm so lang! –
Helo, heloe!
Heloe, loe!«





Entstehungsjahr: 1842
Erscheinungsjahr: 1844
Aus: Gedichte aus der Sammlung von 1844 / Haidebilder
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 59-61.
Bemerkungen
Erstdruck in der 2. Auflage der »Gedichte«, 1844.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.