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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Gottfried Herder

Das Flüchtigste

    Tadle nicht der Nachtigallen
Bald verhallend süßes Lied;
Sieh, wie unter allen, allen
Lebensfreuden, die entfallen,
5 Stets zuerst die schönste flieht.
    Sieh, wie dort im Tanz der Horen
Lenz und Morgen schnell entweicht;
Wie die Rose, mit Auroren
Jetzt im Silberthau geboren,
10 Jetzt Auroren gleich erbleicht.
    Höre, wie im Chor der Triebe
Bald der zarte Ton verklingt.
Sanftes Mitleid, Wahn der Liebe,
Ach, daß er uns ewig bliebe!
15 Aber ach, sein Zauber sinkt.
    Und die Frische dieser Wangen,
Deines Herzens rege Gluth,
Und die ahnenden Verlangen,
Die am Wink der Hoffnung hangen –
20 Ach, ein fliehend, fliehend Gut!
    Selbst die Blüthe Deines Strebens,
Aller Musen schönste Gunst,
Jede höchste Kunst des Lebens,
Freund, Du fesselst sie vergebens;
25 Sie entschlüpft, die Zauberkunst.
    Aus dem Meer der Götterfreuden
Ward ein Tropfe uns geschenkt,
Ward gemischt mit manchem Leiden,
Leerer Ahnung, falschen Freuden,
30 Ward im Nebelmeer ertränkt.
    Aber auch im Nebelmeere
Ist der Tropfe Seligkeit;
Einen Augenblick ihn trinken,
Rein ihn trinken und versinken,
35 Ist Genuß der Ewigkeit.





Entstehungsjahr: 1759-1803
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte / Erstes Buch
Referenzausgabe:
Heinrich Düntzer: Herder's Werke. Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe, Bd. 1. Gustav Hempel: 1879, S. 22-23.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten sind mangels anderer Angaben an den Lebensdaten des Autors ausgegeben.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.