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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Gottfried Herder

Das Kind der Sorge

    Einst saß am murmelnden Strome
Die Sorge nieder und sann;
Da bildet' im Traum der Gedanken
Ihr Finger ein leimernes Bild.
5     »Was hast Du, sinnende Göttin?«
Spricht Zeus, der eben ihr naht.
»Ein Bild, von Thone gebildet;
Beleb's! ich bitte Dich, Gott.«
    »Wolan denn! lebe! – Es lebet!
10 Und mein sei dieses Geschöpf!«
Dagegen redet die Sorge:
»Nein, laß es, laß es mir, Herr!
    »Mein Finger hat es gebildet.«
»Und ich gab Leben dem Thon,«
15 Sprach Jupiter. Als sie so sprachen,
Da trat auch Tellus hinan.
    »Mein ist's! Sie hat mir genommen
Von meinem Schooße das Kind.«
»Wolan!« sprach Jupiter, »wartet!
20 Dort kommt ein Entscheider, Saturn.«
    Saturn sprach: »Habet es Alle!
So will's das hohe Geschick.
Du, der das Leben ihm schenkte,
Nimm, wenn es stirbet, den Geist;
25     »Du, Tellus, seine Gebeine;
Denn mehr gehöret Dir nicht.
Dir, seiner Mutter, o Sorge,
Wird es im Leben geschenkt.
    »Du wirst, so lang' es nur athmet,
30 Es nie verlassen, Dein Kind.
Dir ähnlich, wird es von Tage
Zu Tage sich mühen ins Grab.«
    Des Schicksals Spruch ist erfüllet,
Und Mensch heißt dieses Geschöpf;
35 Im Leben gehört es der Sorge,
Der Erd' im Sterben und Gott.





Entstehungsjahr: 1759-1803
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte / Erstes Buch
Referenzausgabe:
Heinrich Düntzer: Herder's Werke. Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe, Bd. 1. Gustav Hempel: 1879, S. 18-20.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten sind nach dem Lebensdaten des Dichters angegeben.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.