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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Georg Jacobi

Nach einem alten Liede

Sagt, wo sind die Veilchen hin,
Die so freudig glänzten,
Und der Blumen-Königinn
Ihren Weg bekränzten?
5     »Jüngling, ach! der Lenz entflieht:
    »Diese Veilchen sind verblüht.«
    Sagt, wo sind die Rosen hin,
Die wir singend pflückten,
Als sich Hirt' und Schäferinn
10 Hut und Busen schmückten?
    »Mädchen, ach! der Sommer flieht:
    »Diese Rosen sind verblüht.«
    Führe denn zum Bächlein mich,
Das die Veilchen tränkte,
15 Das mit leisem Murmeln sich
In die Thäler senkte.
    »Luft und Sonne glühten sehr:
    »Jenes Bächlein ist nicht mehr.«
    Bringe denn zur Laube mich,
20 Wo die Rosen standen,
Wo in treuer Liebe sich
Hirt’ und Mädchen fanden.
    »Wind und Hagel stürmten sehr:
    »Jene Laube grünt nicht mehr.«
25     Sagt, wo ist das Mädchen hin,
Das, weil ich’s erblickte,
Sich mit demuthvollem Sinn
Zu den Veilchen bückte?
    »Jüngling! Alle Schönheit flieht:
30     »Auch das Mädchen ist verblüht.«
    Sagt, wo ist der Sänger hin,
Der auf bunten Wiesen
Veilchen, Ros’ und Schäferinn,
Laub und Bach gepriesen?
35     »Mädchen, unser Leben flieht:
    »Auch der Sänger ist verblüht.«





Entstehungsjahr: 1756
Erscheinungsjahr: ?
Aus: / Erster Theil
Referenzausgabe:
ohne Herausgeber: Gedichte von Johann Georg Jacobi, Bd. 1. Bey Chr. Kaulfuß und C. Armbruster. Gedruckt bey Anton Strauß: 1816, S. 201-202.
Bemerkungen
Das Entstehungsjahr des Gedichts ist von den Lebensdaten des Autors abgeleitet. Uns liegen keine Angaben zum Erstdruck vor.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.