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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Das Haus in der Haide

Wie lauscht, vom Abendschein umzuckt,
Die strohgedeckte Hütte,
– Recht wie im Nest der Vogel duckt, –
Aus dunkler Föhren Mitte.
5 Am Fensterloche streckt das Haupt
Die weißgestirnte Stärke,
Bläst in den Abendduft und schnaubt
Und stößt an's Holzgewerke.
Seitab ein Gärtchen, dornumhegt,
10 Mit reinlichem Gelände,
Wo matt ihr Haupt die Glocke trägt,
Aufrecht die Sonnenwende.
Und drinnen kniet ein stilles Kind,
Das scheint den Grund zu jäten,
15 Nun pflückt sie eine Lilie lind
Und wandelt längs den Beeten.
Am Horizonte Hirten, die
Im Haidekraut sich strecken,
Und mit des Aves Melodie
20 Träumende Lüfte wecken.
Und von der Tenne ab und an
Schallt es wie Hammerschläge,
Der Hobel rauscht, es fällt der Span,
Und langsam knarrt die Säge.
25 Da hebt der Abendstern gemach
Sich aus den Föhrenzweigen,
Und grade ob der Hütte Dach
Scheint er sich mild zu neigen.
Es ist ein Bild, wie still und heiß
30 Es alte Meister hegten,
Kunstvolle Mönche, und mit Fleiß
Es auf den Goldgrund legten.
Der Zimmermann – die Hirten gleich
Mit ihrem frommen Liede –
35 Die Jungfrau mit dem Lilienzweig –
Und rings der Gottesfriede.
Des Sternes wunderlich Geleucht
Aus zarten Wolkenfloren –
Ist etwa hier im Stall vielleicht
40 Christkindlein heut geboren?





Entstehungsjahr: 1842
Erscheinungsjahr: 1844
Aus: Gedichte der Ausgabe von 1844 / Haidebilder
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 65-66.
Bemerkungen
Erstdruck 1844 in »Morgenblatt für gebildete Leser«, 1844

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.