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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Karoline von Günderode (Tian)

Die eine Klage

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verloren,
5 Lassen muß was er erkoren,
Das geliebte Herz,
Der versteht in Lust die Tränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
10 Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Grenzen schwinden
Und des Daseins Pein.
Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt' ein Wesen liebgewinnen
15 O! den tröstet's nicht
Daß für Freuden, die verloren,
Neue werden neu geboren:
Jene sind's doch nicht.
Das geliebte, süße Leben,
20 Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.





Entstehungsjahr: 1806
Erscheinungsjahr: 1806
Aus: Melete von Ion
Referenzausgabe:
Franz Josef Görtz: Karoline von Günderode. Gedichte. Insel Verlag: 1985, S. 54.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.