Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Am letzten Tage des Jahres (Sylvester)

Das Jahr geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut,
Und stäubend rieselt in sein Grab
5 Was einstens war lebendge Zeit.
Ich harre stumm.
S' ist tiefe Nacht!
Ob wohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein
10 Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch
Es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht.
Gesehen all,
Was ich begangen und gedacht.
15 Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelsthor. O halber Sieg,
O schwerer Fall!
Wie reißt der Wind
20 Am Fensterkreuze, ja es will
Auf Sturmesfittigen das Jahr
Zerstäuben, nicht ein Schatten still
Verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind!
25 War nicht ein hohl
Und heimlich Sausen jeder Tag
In der vermorschten Brust Verließ,
Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stieß
30 Vom starren Pol?
Mein Lämpchen will
Verlöschen, und begierig saugt
Der Docht den letzten Tropfen Oel.
Ist so mein Leben auch verraucht,
35 Eröffnet sich des Grabes Höhl
Mir schwarz und still?
Wohl in dem Kreis,
Den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht: Ich wußt es lang!
40 Und dennoch hat dies Herz geglüht
In eitler Leidenschaften Drang.
Mir brüht der Schweiß
Der tiefsten Angst
Auf Stirn und Hand! – Wie, dämmert feucht
45 Ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär es der Liebe Stern vielleicht,
Dich scheltend mit dem trüben Licht,
Daß du so bangst?
Horch, welch Gesumm?
50 Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr, ich falle auf das Knie:
Sey gnädig meiner letzten Stund!
Das Jahr ist um!





Entstehungsjahr: 1840
Erscheinungsjahr: 1851
Aus: Geistliche Dichtung / Geistliches Jahr ... auf alle Sonn- und Festtage
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. IV,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 165-166.
Bemerkungen
Erstdruck 1851 in »Geistliche Dichtung«

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.