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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ludwig Uhland

Märchen

Ihr habt gehört die Kunde
Vom Fräulein, welches tief
In eines Waldes Grunde
Manch hundert Jahre schlief,
5 Den Namen der Wunderbaren
Vernahmt ihr aber nie,
Ich hab ihn jüngst erfahren:
Die deutsche Poesie.
Zwo mächt'ge Feen nahten
10 Dem schönen Fürstenkind,
An seine Wiege traten
Sie mit dem Angebind.
Die erste sprach behende:
»Ja, lächle nur auf mich!
15 Ich gebe dir frühes Ende
Von einer Spindel Stich.«
Die andre sprach dagegen:
»Ja, lächle nur auf mich!
Ich gebe dir meinen Segen,
20 Der heilt den Todesstich;
Der wird dich so bewahren,
Daß süßer Schlaf dich deckt,
Bis nach vierhundert Jahren
Ein Königssohn dich weckt.«
25 Da ward in's Reich erlassen
Ein feierlich Gebot,
Verkündet in allen Straßen,
Der Tod darauf gedroht:
Wo jemand Spindeln hätte,
30 Die sollte man liefern ein,
Und sie an offner Stätte
Verbrennen insgemein.
Nicht nach gewohnter Sitte
Erzog man dieses Kind
35 In dumpfer Kammer Mitte
Noch sonst, wo Spindeln sind;
Nein! in den Rosengärten,
In Wäldern, frisch und kühl,
Mit lustigen Gefährten,
40 Bei freiem, kühnem Spiel.
Und als es kam zu Jahren,
Ward es die schönste Frau,
Mit langen goldnen Haaren,
Mit Augen dunkelblau,
45 In Gang, Gebärde züchtig,
In Reden treu und schlicht,
In aller Arbeit tüchtig,
Nur mit der Spindel nicht.
Viel stolze Ritter gingen
50 Der Holden Dienste nach,
Heinrich von Ofterdingen,
Wolfram Eschenbach.
Sie gingen in Stahl und Eisen,
Goldharfen in der Hand;
55 Die Fürstin war zu preisen,
Die solche Diener fand.
Mit Degen und mit Speere
Waren sie stets bereit,
Den Frauen gaben sie Ehre
60 Und sangen widerstreit.
Sie sangen von Gottesminne,
Von kühner Helden Mut,
Von lindem Liebessinne,
Von süßer Maienblut.
65 Von alter Städte Mauern
Der Wiederhall erklang,
Die Bürger und die Bauern
Erhoben frischen Sang.
Der Senne hat gesungen,
70 Der über den Wolken wacht,
Ein Lied ist aufgeklungen
Tief aus des Bergmanns Schacht.
In einer Mainacht blinkten
Die Sterne wunderschön,
75 Der Fürstin war, als winkten
Sie ihr zu Turmes Höhn;
Sie stieg hinauf zum Dache,
Die Zarte ganz allein,
Da fiel aus einem Gemache
80 Ein trüber Lampenschein.
Ein Weiblein, grau von Haaren,
Dort an dem Rocken spann,
Sie hatte wohl nichts erfahren
Vom strengen Spindelbann.
85 Die Fürstin, die noch nimmer
Gesehen solche Kunst,
Sie trat in Weibleins Zimmer:
»Wer bist du, mit Vergunst?«
»Man nennt mich, schönes Liebchen,
90 Die Stubenpoesie;
Denn aus dem trauten Stübchen
Verirrt' ich mich noch nie.
Ich sitz am lieben Platze
Beim Rocken, wandellos,
95 Meine alte, blinde Katze,
Die spinnt auf meinem Schoß.
Lange lange Lehrgedichte,
Die spinn ich recht mit Fleiß,
Flächsene Heldengedichte,
100 Die haspl ich schnellerweis.
Mein Kater maut Tragödie,
Mein Rad hat lyrischen Schwung,
Meine Spindel spielt Komödie
Mit Tanzbelustigung.«
105 Die Fürstin tät erbleichen,
Als man von Spindeln sprach,
Sie wollte flugs entweichen,
Die Spindel sprang ihr nach;
Und an der morschen Schwelle,
110 Da fiel das Fräulein jach:
Die Spindel auf der Stelle
Sie in die Ferse stach.
Was war das für ein Schrecken,
Als man sie morgens traf!
115 Sie war nicht mehr zu wecken:
Sie schlief den Zauberschlaf.
Ein Lager ward bereitet
Im hohen Rittersaal,
Goldstoffe drauf gebreitet
120 Und Rosen ohne Zahl.
So schief sie in der Halle,
Die Fürstin, reich geschmückt.
Bald hatte die andern alle
Der gleiche Schlaf berückt.
125 Die Sänger, schon in Träumen,
Rührten die Saiten bang,
Bis in des Schlosses Räumen
Der letzte Laut verklang.
Die Alte spann noch immer
130 Im stillen Kämmerlein,
Es woben in jedem Zimmer
Die Spinnen, groß und klein,
Die Hecken und Ranken woben
Sich um den Fürstenbau,
135 Und um den Himmel oben
Da spann sich Nebelgrau. –
Wohl nach vierhundert Jahren
Da ritt des Königs Sohn
Mit seinen Jägerscharen
140 In's Waldgebirg' davon:
»Was ragen doch da innen
Ob all dem hohen Wald
Für graue Türm' und Zinnen
Von seltsamer Gestalt?«
145 Am Wege stund gerade
Ein alter Spindelmann:
»Erlauchter Prinz, um Gnade!
Hört meine Warnung an!
Romantische Menschenfresser
150 Hausen auf jenem Schloß,
Die mit barbarischem Messer
Abschlachten klein und groß.«
Der Königssohn verwegen
Tät mit drei Jägern ziehn,
155 Sie hieben mit den Degen
Sich Bahn zum Schlosse hin.
Gesenket war die Brücke,
Geöffnet war das Tor;
Daraus im Augenblicke
160 Ein Hirschlein sprang hervor.
Dann in des Hofes Räumen,
Da war es wieder Wald,
Da sangen in den Bäumen
Die Vögel mannigfalt.
165 Die Jäger ohn Verweilen,
Sie drangen mutig hin,
Wo eine Tür mit Säulen
Aus dem Gebüsch erschien.
Zween Riesen schlafend lagen
170 Wohl vor dem Säulentor,
Sie hielten, ins Kreuz geschlagen,
Die Hellebarden vor;
Darüber rüstig schritten
Die Jäger allzumal,
175 Sie gingen mit kecken Tritten
Zu einem großen Saal.
Da lehnten in hohen Nischen
Geschmückter Frauen viel,
Gewappnete Ritter dazwischen
180 Mit goldenem Saitenspiel.
Hohmächtige Gestalten,
Geschloßnen Auges, stumm,
Grabbildern gleich zu halten
Aus grauem Altertum.
185 Und mitten ward erblicket
Ein Lager, reich von Gold,
Da ruhte, wohlgeschmücket,
Eine Jungfrau wunderhold.
Die Süße war umfangen
190 Mit frischen Rosen dicht,
Und auch von Mund und Wangen
Schien zartes Rosenlicht.
Der Königssohn, zu wissen,
Ob Leben in dem Bild,
195 Tät seine Lippen schließen
An ihren Mund so mild.
Er hat es bald empfunden
Am Odem, süß und warm,
Und als sie ihn umwunden,
200 Noch schlummernd, mit dem Arm.
Sie streifte die goldnen Locken
Aus ihrem Angesicht,
Sie hob, so süß erschrocken,
Ihr blaues Augenlicht.
205 Und in den Nischen allen
Erwachen Ritter und Frau;
Die alten Lieder hallen
Im weiten Fürstenbau.
Ein Morgen, rot und golden,
210 Hat uns den Mai gebracht;
Da trat mit seiner Holden
Der Prinz aus Waldesnacht.
Es schreiten die alten Meister
In hehrem, stolzen Gang,
215 Wie riesenhafte Geister,
Mit fremdem Wundersang.
Die Täler, schlummertrunken,
Weckt der Gesänge Lust;
Wer einen Jugendfunken
220 Noch hegt in seiner Brust,
Der jubelt, tief gerühret:
»Dank dieser goldnen Früh,
Die uns zurückgeführet
Dich, deutsche Poesie
225 Die Alte sitzt noch immer
In ihrem Kämmerlein;
Das Dach zerfiel in Trümmer,
Der Regen drang herein.
Sie zieht noch kaum den Faden,
230 Gelähmt hat sie der Schlag;
Gott schenk ihr Ruh in Gnaden
Bis über den jüngsten Tag!





Entstehungsjahr: 1811
Erscheinungsjahr: 1813
Aus: Gedichte. Ausgabe letzter Hand / Balladen und Romanzen
Referenzausgabe:
Hartmut Fröschle / Walter Scheffler: Ludwig Uhland. Werke, Bd. 1. Winkler Verlag: 1980, S. 261-267.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.