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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ludwig Uhland

Graf Eberstein

Zu Speyer im Saale, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
        Graf Eberstein
        Führet den Reihn
5 Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.
Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen:
        »Graf Eberstein,
        Hüte dich fein!
10 Heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet sein.«
Ei, denket der Graf, Euer kaiserlich Gnaden,
So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen!
        Er sucht sein Roß,
        Läßt seinen Troß
15 Und jagt nach seinem gefährdeten Schloß.
Um Ebersteins Veste, da wimmelt's von Streitern,
Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern.
        Graf Eberstein
        Grüßet sie fein,
20 Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein.
Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen,
Da meint er, es seie die Burg schon genommen.
        Doch auf dem Wall
        Tanzen mit Schall
25 Der Graf und seine Gewappneten all.
»Herr Kaiser! beschleicht Ihr ein andermal Schlösser,
Tut's not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser.
        Euer Töchterlein
        Tanzet so fein,
30 Dem soll meine Veste geöffnet sein.«
Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
        Graf Eberstein
        Führet den Reihn
35 Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.
Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen,
Da flüstert er leise , nicht kann er's verschweigen:
        »Schön Jungfräulein,
        Hüte dich fein!
40 Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet sein.«





Entstehungsjahr: 1814
Erscheinungsjahr: 1815
Aus: Gedichte. Ausgabe letzter Hand / Balladen und Romanzen
Referenzausgabe:
Hartmut Fröschle / Walter Scheffler: Ludwig Uhland. Werke, Bd. 1. Winkler Verlag: 1980, S. 206-207.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.