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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Matthias Claudius

Täglich zu singen

Ich danke Gott, und freue mich
    Wie 's Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
    Schön menschlich Antlitz! habe;
5 Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
    Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
    Und lieben Monde gehen;
Und daß mir denn zumute ist,
10     Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil'ge Christ
    Bescheret hatte, amen!
Ich danke Gott mit Saitenspiel,
    Daß ich kein König worden;
15 Ich wär geschmeichelt worden viel,
    Und wär vielleicht verdorben.
Auch bet ich ihn von Herzen an,
    Daß ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann,
20     Und auch wohl keiner werde.
Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,
    Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat's das Herz verdreht,
    Die weiland wacker waren.
25 Und all das Geld und all das Gut
    Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
    Kann's aber doch nicht machen.
Und die sind doch, bei Ja und Nein!
30     Ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastein
    Des vielen Geldes wegen.
Gott gebe mir nur jeden Tag,
    Soviel ich darf zum Leben.
35 Er gibt's dem Sperling auf dem Dach;
    Wie sollt er's mir nicht geben!





Entstehungsjahr: vor 1778
Erscheinungsjahr: 1777
Aus: Asmus III
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Matthias Claudius. Sämtliche Werke. Winkler-Verlag, München: 1976, S. 149-150.
Bemerkungen
Erstdruck in den Hamburgischen Adreß-Comtoir-Nachrichten, 1777, S. 71,
1778 im Vossischen Musenalmanach, S. 146,
dann im »ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten«, Teil III, S. 128-130

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.