Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ludwig Uhland

In ein Stammbuch

Die Zeit in ihrem Fluge streift nicht bloß
Des Feldes Blumen und des Waldes Schmuck,
Den Glanz der Jugend und die frische Kraft:
Ihr schlimmster Raub trifft die Gedankenwelt.
5 Was schön und edel, reich und göttlich war
Und jeder Arbeit, jeden Opfers wert,
Das zeigt sie uns so farblos, hohl und klein,
So nichtig, daß wir selbst vernichtet sind.
Und dennoch wohl uns, wenn die Asche treu
10 Den Funken hegt, wenn das getäuschte Herz
Nicht müde wird, von Neuem zu erglühn!
Das Echte doch ist eben diese Glut,
Das Bild ist höher als sein Gegenstand,
Der Schein mehr Wesen als die Wirklichkeit.
15 Wer nur die Wahrheit sieht, hat ausgelebt;
Das Leben gleicht der Bühne: dort wie hier
Muß, wann die Täuschung weicht, der Vorhang fallen.





Entstehungsjahr: 1825
Erscheinungsjahr: 1826
Aus: Gedichte. Ausgabe letzter Hand / Sinngedichte
Referenzausgabe:
Hartmut Fröschle / Walter Scheffler: Ludwig Uhland. Werke, Bd. 1. Winkler Verlag: 1980, S. 87.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.