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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ludwig Uhland

Das Schloß am Meer

Hast du das Schloß gesehen,
Das hohe Schloß am Meer?
Golden und rosig wehen
Die Wolken drüber her.
5 Es möchte sich niederneigen
In die spiegelklare Flut;
Es möchte streben und steigen
In der Abendwolken Glut.
»Wohl hab' ich es gesehen,
10 Das hohe Schloß am Meer,
Und den Mond darüber stehen
Und Nebel weit umher.«
Der Wind und des Meeres Wallen
Gaben sie frischen Klang?
15 Vernahmst du aus hohen Hallen
Saiten und Festgesang?
»Die Winde, die Wogen alle
Lagen in tiefer Ruh,
Einem Klagelied aus der Halle
20 Hört ich mit Tränen zu.«
Sahest du oben gehen
Den König und sein Gemahl?
Der roten Mäntel Wehen,
Der goldnen Kronen Strahl?
25 Führten sie nicht mit Wonne
Eine schöne Jungfrau dar,
Herrlich wie die Sonne,
Strahlend im goldnen Haar?
»Wohl sah ich die Eltern beide,
30 Ohne der Kronen Licht,
Im schwarzen Trauerkleide;
Die Jungfrau sah ich nicht.«





Entstehungsjahr: 1805
Erscheinungsjahr: 1807
Aus: Gedichte. Ausgabe letzter Hand / Balladen und Romanzen
Referenzausgabe:
Hartmut Fröschle / Walter Scheffler: Ludwig Uhland. Werke, Bd. 1. Winkler Verlag: 1980, S. 119-120.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.