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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Justinus Christian Andreas Kerner (Schattenspieler Luchs)

Sankt Elsbeth

Zu Wartburg unterm Lindenbaum,
Der junge Landgraf lag im Traum,
Es sangen Nachtigallen,
Der Mond zog durch den Himmel blau,
5 Der Landgraf sah die zartste Frau
Über ferne Berge wallen.
Die Sonne kam, der Graf erwacht,
Ein Wandrer zog er Tag und Nacht,
Mit ihm der Leu, der treue.
10 Zu Ungarn unter einer Lind'
Sankt Elsbeth schlief, das Königskind,
Still stehen blieb der Leue.
Verloren aus dem Königssaal
Ward sie in einem fernen Tal
15 Bei Hirten aufgeblühet;
Der König sandte weit umher,
Sein Kind, das fand er nimmermehr,
So sehr er sich bemühet.
Der Leue stand, ausrief der Graf:
20 »Das ist mein Traum! so sah im Schlaf
Ich einst sie, welch Entzücken!« –
Er reckt nach ihr die Arme lind,
Und hebet das schlaftrunkne Kind
Leis' auf des Leuen Rücken.
25 Er zog mit ihm ins Heimatland,
Und als die Wartburg vor ihm stand,
Hat laut sein Herz geschlagen,
Er hat, zu schützen es vor Harm,
Es selbst in seiner Schwester Arm
30 Zur Burg hinaufgetragen.
Und als: »wer ist die Maid?« sie fragt,
Nichts als: »Mein Traum ist sie!« er sagt,
»Ihr werde nichts zu Leide!«
»Ich sah sie unter Linden grün
35 Bei andern stillen Blumen blühn,
Des blauen Himmels Freude.«
Der Landgraf ging nie auf die Jagd,
Bevor er nicht zur frommen Magd:
»Gott bleib bei dir!« gesprochen.
40 Der Landgraf kehrte nie nach Haus,
Bevor er einen seltnen Strauß
Dem seltnen Kind gebrochen.
Bald sie, die Magd im schlichten Kleid,
Erregte der Hoffrauen Neid,
45 Die stolz einhergeschritten.
Herr Walter, Schenk von Varila,
Sprach, als er einst dem Grafen nah'
Im fernen Wald geritten:
»Traut lieber Herr! so ihr nicht grollt,
50 Bescheidentlich ich fragen wollt':
Ob Elsbeth hier verbleibe?
Still trägt die Magd manch herbes Leid,
Es drückt sie eurer Schwester Neid,
Der Neid von jedem Weibe.«
55 Der Landgraf drauf in hohem Mut
Sprach: »Siehst du in der Abendglut
Golden die Burgen ragen?
Und würden Gold sie bis in Grund,
Ich ließ sie stehen all' zur Stund,
60 Sollt' ich dem Kind entsagen!«
Da glänzt es auf der Wartburg fern,
Wie durch die Lind' der Abendstern,
Sie sahen's purpurn wallen,
Die Wolken zogen freudig schnell,
65 Die Burgen standen wunderhell,
Trommeten hört man schallen.
Sie sprengten durch den dunkeln Wald,
Auf Wartburg kamen sie gar bald.
Da unter der grünen Linde
70 Stand licht in purpurnem Gewand,
Bei Rittern aus dem Ungarland,
Elsbeth, das Königskinde.
Der König jüngst gestorben war,
Zwölf Edle von der Ritterschaar,
75 Die zogen in die Weite.
Zu Wartburg unter grüner Lind'
Da fanden sie ihr Königskind,
Den treuen Leu zur Seite.
Sie hatten ihr ins gelbe Haar
80 Gesetzt die Königskrone klar,
Das Kind ließ sich's gefallen.
Die Krone warf viel lichten Strahl
Gen Himmel und ins tiefe Tal,
Es sangen Nachtigallen.
85 Der Mond auch trat aus blauer Fern',
Des Leuen Aug' war als ein Stern,
Glutrot die Haar' ihm schienen.
Der Landgraf zog sein glänzend Schwert,
Er schwur bei Sonne, Mond und Erd',
90 Ewig der Frau zu dienen.
Dann einen Spiegel, treu und rein,
Der Graf zog aus dem Busen sein:
Er kömmt vom heil'gen Lande.
Gegraben ist ins Elfenbein
95 Die Marter des Erlösers ein,
»Nimm ihn zum ew'gen Pfande!«





Entstehungsjahr: vor 1812
Erscheinungsjahr: 1813
Aus: Der letzte Blütenstrauß
Referenzausgabe:
Josef Gaismaier: Justinus Kerners sämtliche poetische Werke, Bd. 2. Hesse & Becker Verlag: 1905, S. 44-47.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.